Kampfstaffel

…. für  die Verteidigung der Heimat

Im Laufe des Jahres flogen immer öfter feindliche Geschwader in das Reichsgebiet ein. Die verhältnismäßig seltenen Angriffe fielen, die ersten galten in der Regel der Landeshauptstadt Stuttgart. Dazu folgende Ausführung aus Forschungsgruppe Untertage e.V. :

Am 22. September 1915 gegen 8:15 h morgens erlebte Stuttgart den ersten Luftangriff seiner Geschichte. Obwohl die Stadt durch die Stationierung von Flugabwehrgeschützen bereits militärisch vorbereitet war, wurde sie von den vier angreifenden französischen Flugzeugen überrascht. Der Grund lag in der vorliegenden Anmeldung eines Überflugs eines deutschen Flugzeugs. So wurden die französischen Maschinen zunächst nicht als Gegner erkannt. Die Bomben fielen in die Innenstadt und verursachten Gebäudeschäden am Alten Postplatz 6 (heute Rotebühlplatz), sowie an insgesamt acht weiteren Gebäuden in der Gymnasiumstraße, der Roten Straße (heute Theodor-Heuss-Straße), der Rotebühlstraße, der Augustenstraße, der Sophienstraße und der Kriegsbergstraße. Die Schäden lagen auf einer ungefähr von Westen nach Osten verlaufenden Achse zwischen Feuersee und Kriegsbergstraße. Die Sirenen heulten erst bei den ersten Bombeneinschlägen auf. Bedingt durch den Irrtum hatte auch die Flak nur noch geringe Chancen, die bereits abfliegenden Maschinen zu treffen, die letztlich unbeschädigt heimkehrten. Die Bilanz dieses Angriffs war für Stuttgart bitter. Zwei junge Mädchen, zwei Männer und drei Soldaten waren umgekommen. Das deutsche Flugzeug überflog Stuttgart mit einiger Verspätung gegen 9:30 h und wurde umgehend beschossen, jedoch nicht getroffen. Der Angriff rief scharfe Reaktionen und Rufe nach Rache hervor. Dabei waren Paris und London bereits seit September 1914 bereits von deutschen Flugzeugen und Luftschiffen angegriffen worden, was man auf deutscher Seite ausgiebig feierte. So bezeichnete die französische Presse den Angriff auf Stuttgart auch als Vergeltungsmaßnahme für deutsche Angriffe auf französische Städte. Insgesamt wurde Stuttgart während des 1. Weltkriegs 10 Mal von gegnerischen Flugzeugen angegriffen. 22 Menschen wurden von den Bomben getötet und 78 verletzt. Annähernd ein Drittel dieser Bombentoten war also dem ersten Angriff zuzuschreiben.


Zur Sicherung des Luftraums von Stuttgart und Umgebung wurde deshalb die Kampf-Einsitzer-Staffel 4 ausgestellt. Die Fea 10 als reine Ausbildungseinheit wäre zur Abwehr feindlicher Flugzeuge nicht geeignet gewesen. 

In Böblingen stellte die Fea 10 am 10. August 1916 die Kampf-Einsitzer-Staffel 4a unter Führung des Oberleutnant Burkhardt  aufgestellt. Die damalige Stärke war 1 Offizier, 1 Vizefeldwebel, 1 Werkmeister und 54 Mann, einschließlich Unteroffiziere. Flugzeugführer waren außer dem Staffelführer nicht vorhanden. Die Fea 10 kommandierte nach der Aufstellung 1 Offizier und 2 Offiziers-Stellvertreter als Flugzeugführer. Sie hatte im Bereich „Wiesengrund“ ihre Flugzeuge in Halle 5 untergestellt. In unmittelbarer Nähe, um schnellstmöglich zum Einsatz zu sein, hatten auch die Flugzeugführer mit dem technischen Personal ihr Quartier bezogen. Es handelte sich um eine Jagdstaffel, die ursprünglich mit den neuen bei den Siemens-Schuckert-Werken entwickelten und hochgezüchteten Jagdeinsitzer, mit überragender Steigleistung, ausgestattet werden sollte. Doch leider verzögerte sich die Lieferung der speziellen Betriebsstoffe für die von Siemens-Halske gebauten Umdrehungsmotoren, sodass die Kest 4a mit den nun ebenfalls sehr gute Fokker-Flugzeugen ausgestattet wurde. Sobald das Herannahen von Feindflugzeugen gemeldet wurde, musste die Jagdstaffel aufsteigen. Böblingen war nie gefährdet und es fiel auch keine einzige Bombe auf die Stadt. Fliegeralarm wurde in Böblingen durch ein vereinbartes Glockenläuten gegeben. Zusätzlich fuhr ein Auto durch die Straßen, von welchem ein Beifahrer Trompetensignale gab.

Am 11. September 1916 wurden zur Staffel 5 Unteroffizier-Flugzeugführer versetzt. Bei der Aufstellung  waren 4 Fokker-Eindecker-Kampfflugzeuge und 2 Fokker-Schulflugzeuge vorhanden. Am 1. November 1916 verfügte die Staffel über 5 Kampfflugzeuge und 2 Reserveflugzeuge. Am 1.  Januar 1917 waren bei der Staffel 8 Kampfflugzeuge und 2 Reserveflugzeuge. Ferner 1 L.V.G. C und 1 Albatros B. Die Staffel war bis zum 7. Oktober 1916 in allen Dienstobliegenheiten der Fea 10 angegliedert, anschließend wurde sie dem Stabsoffizier der Flieger im Heimatgebiet unterstellt. Die Staffel hatte die Aufgabe, die industriellen Werke Stuttgarts, sowie der Stadt selbst vor feindlichen Luftangriffen zu schützen. Am 15. April 1917 wurden 24 Mann für die neuaufgestellte Kest 4b in Freiburg abgegeben. Am 16. April 1917 erhielt die Staffel den Namen Kest 4a und wurde auf den Etat einer Halbstaffel gesetzt und am 1. Juni 1917 mit Roland-Kampf-Einsitzern ausgerüstet.  Die noch vorhandenen Fokker-Kampf-Einsitzer wurden bis 1. September 1917 abgegeben. Mitte September wurden die Staffeln mit Albatros-Kampf-Einsitzer, der Typen DII, DIII und DV ausgerüstet.

Der wahrscheinlich einzige Luftkampferfolg der Kest 4 war der Abschuß einer französischen Maschine am 16. September 1917 durch den Vizefeldwebel Nestler, der Böblinger Bote vom 31. Oktober 1917 berichtete in einem „heroischen Artikel“: Gustav Nestler`s Luftkampf über Stuttgart. Ein sonniger Herbstmorgen stand frisch am Himmel, dessen Bläue nur mit einem leichten Schleier überzogen schien. Über die grüne Fläche des Böblinger Flugplatzes huschten Soldaten und Monteure, Flugzeuge rollten eilends aus den Schuppen: Die Kampfstaffel ist alarmiert! Schon rauschen die Propeller, wenige Minuten und leicht beschwingt hebt sich der erste Kampfvogel, kreist und windet sich ins Blau, ein zweiter, ein Dritter folgt. Schon schwimmen sie in weiter Ferne, tief, tief unter ihnen liegt im Sonntagsfrieden unser liebes Stuttgart, leise nur, aus weiter Ferne klangen die Glocken, die zur Kirche riefen. Sie riefen umsonst, denn heulende Sirenen erhoben ihre Stimme und schrillten durch den Sonntagmorgen ihren Warnruf: „Habt acht, sie kommen“ In schwindelnder Höhe kamen sie daher, zwei nebeneinandergestellt, der dritte abseits für sich – kaum heben sich seine Schwingen am Blau des Himmels – plötzlich – wie ein Vogel, der den Habicht ausweicht, taucht er tiefer. Aber der Habicht hackt zu, da reißt der Franzose seine Maschine herum und nimmt den Kampf an. Blitzschnell sausen die Gegner aneinander vorbei – und tack – tack – tack – tack, in steilen Kurven wenden sie, kehren sich wieder die Stirn zu – tack – tack – tack. Der Franzose ist Meister der Fliegerei, hin und her, auf und ab reißt er seinen Apparat, aber hin und her, auf und ab folgt ihm der Deutsche. Noch eine letzte, eine verzweifelte Kurve, um der Geschossgarbe auszuweichen, dann greift der tapfere Feind zum letzten, waghalsigen Mittel, überschlägt sich und stürzt in die Tiefe, 1000 Meter, 2000 Meter, er ist erledigt. Da reißt er die Maschine ins Gleichgewicht, sie steht, schwebt – fliegt pfeilschnell gen Westen. Und auch seine beiden Genossen wenden Frankreich zu, und wieder hebt der Habicht seine Schwingen, sich auf sie zu stürzen, aber sie werden matt und matter – das Benzin geht aus! Bei Bitsch landete flügellahm geschossen ein Flugzeug, Führer und Beobachter wurden gefangen.   Also doch!

Vom 1. Januar 1918 wurde die Staffel allmählich mit Albatros D Va aufgebessert. Die Flugzeuge der Staffel wurden bis Anfang Februar 1918 durch die beiden Sichtzeichen beim Mühlbacher Hof am Bismarckturm und das Sichtzeichen bei der Staffel selbst gelenkt. Als Grundsatz galt, dass die Staffel sich bei Alarmierungen über dem Flugplatz aufhielt und zwischen Flugplatz und dem Sichtzeichen am Bismarckturm flog.

Im Februar 1918 beauftragte der Staffelführer, Oberleutnant von Werder, unter Zugrundelegung neuer Gesichtspunkte für den Schutz von Stuttgart und die Industrievororte, die Einziehung des Sichtzeichens am Bismarckturm und Neueinrichtung von Fliegersichtzeichen stellen bei den Scheinwerferzügen 711 (Schloss Solitude) und 712 (Fasanenhof). Von dem Gedanken ausgehend, dass bei eintretender Luftgefahr und drehenden Fliegerangriffen die Kampfstaffel den Gegner vor dem Schutzobjekt zu erwarten und anzugreifen hat, wurde im Verein mit der Flakgruppe Stuttgart und dem Flugwachkommando Stuttgart durch den Staffelführerein Sperr- und Abwehrgebiet genau festgelegt. Dieses verläuft im Norden von Stuttgart in einer Linie Ludwigsburg-Münchingen-Ditzingen-Leonberg, im Westen das Waldgebiet östlich Sindelfingen-Böblingen, im Süden in einer Linie von Echterdingen-Scharnhausen bis Esslingen. Jeder Abschnitt dieses Abwehrgebietes besitzt seine eigenen Sichtzeichenstellen, so der Nordabschnitt das Sichtzeichen bei Solitude, der Westabschnitt das Sichtzeichen, das bei der Staffel ausgelegt wird, der Südabschnitt das Sichtzeichen, das am Fasanenhof liegt.

Die Flugzeuge ziehen im Abwehrgebiet hoch und verbleiben in demselben. Hierdurch wird das Überfliegen von Stuttgart und die Beunruhigung der Flakformation und der Einwohnerschaft durch Fliegergeräusche bei Luftgefahr respektive bei Alarm vermieden. Ferner befinden sich die zur Abwehr gestarteten Ketten jederzeit so weit von Stuttgart entfernt, dass sie den Gegner auf seinem Anflugweg vor dem Schutzobjekt angreifen können, in dem sie versuchen, ihn von dem Schutzobjekt abzudrängen und ihn beim Bombenabwurf zu beunruhigen. Zur weiteren Lenkung der gestarteten Flugzeuge wurde eingehende Versuche mit Anblinken durch Scheinwerfer vorgenommen. Die Scheinwerferzüge 711 und 712, sowie der Scheinwerfer bei der Staffel werden hierzu benützt. Die Versuche sind bisher jedoch nicht sehr erfolgreich gewesen, da bei den jetzigen kriegsmäßigen Höhen von 4000 m aufwärts, infolge der Bedienung der Scheinwerfer und der außerordentlich mangelhaften Richteinrichtung des Scheinwerfergeräts und der ganzen Schwerfälligkeit in der Handhabung es nicht möglich ist, das Flugzeug genau anzublinken. Ungünstige Witterungsverhältnisse, wie Wolken, Dunst und Sonnennebel schließen die Blinktätigkeit vollends aus.

Mit der Neuorganisation der Luftabwehr der Staffel wurde gleichzeitig die Gefechtleitungsstelle von Grund aus verbessert und vervollkommnt. Zahlreiches Kartenmaterial, genau organisierter Fernsprechdienst sorgen für die Erleichterung der Gefechtsleitung. Die Fernsprechzentrale wurde vergrößert und mit einem 20fachen Klappenschrank versehen. Durch ständige Fühlungnahme mit der Dienststelle des Stabsoffiziers der Flugabwehrkanonen, mit dem Führer der Flakgruppe Stuttgart, sowie dem Führer des Flugwachkommandos Stuttgart wurden alle noch Anfang diese Jahres bestehenden Mängel in der Abwehrorganisation besprochen und behoben. Endlich ist das Abwehrgebiet so begrenzt, dass es außerhalb der äußersten Reichweiten der Flakformation von Stuttgart liegt. Im Februar dieses Jahres wurde die Staffel mit der F.T. H-Station Nr.134 ausgerüstet. Die Besatzung beträgt 1 Unteroffizier als Stationsführer und 7 Funker. Zur F.T.Station gehört ein F.T.Flugzeug, das mit F.T.Wechselverkehr ausgerüstet ist. Als Besatzung für das Flugzeug wurde ein Offizier als F.T. Offizier und 1 Unteroffizier-Flugzeugführer überwiesen. Die Fea 10 kommandierte schon im Herbst 1917 16 Mann Flugzeugwarte zur Verstärkung  der Staffel. Ferner wurden 6 Landsturmleute vom 2. Landsturm-Inf-Batl XIII./3. zur Staffel, zwecks Arbeitsleistung kommandiert. Im Mai 1918 verstärkte die aufgelöste Flugwache Nr. 15 Böblingen die Staffel um 1 Unteroffizier und 6 Mann.

Am 18. August 1918 betrug die Stärke der Staffel:

  • 3 Offizier-Flugzeugführer
  • 1 F.T.Offizier
  • 5 Unteroffizier-Flugzeugführer
  • 1 Feldwebel
  • 1 Werkmeister
  • 1 Rechnungsführer
  • 5 Funktionsunteroffiziersführer
  • 29 Mann

Gesamtsumme der kommandierten Mannschaften 2 Unteroffiziere, 34 Mann

  • kommandierte Funker 1 Unteroffizier, 7 Mann
  • kommandierte Kanoniere vom Flugwachkommando 1 Unteroffizier, 3 Mann
  • kommandierte Kanoniere vom Flakscheinwerferzug 2 Mann
  • kommandierte Landsturmleute vom 2.Landsturm Inf.-Batl XIII./3. 6 Mann
  • kommandierte Flugzeugwarte von Fea 10 16 Mann

Fea 10 (Kest 4) Luftgefecht über Stuttgart
Fea 10 (Kest) Luftgefecht

Im August 1918 besucht der Stuttgarter Gemeinderat die Kest 4a auf dem Böblinger Flugplatz (Quelle)


Fliegerbeobachtungsturm

Um sich noch mehr vor überraschend auftauchenden Feindflugzeugen zu schützen, und die Kest 4a rechtzeitig zu alarmieren, wurde auf dem „Hohen Stich“ (Waldburg) in etwa 2 km Entfernung vom Flugplatz Böblingen ein sogenannter Fliegerbeobachtungsturm errichtet, der ständig mit einem Beobachter belegt war.

Dazu in einem Schreiben der Garnisonsverwaltung vom 8.März 1917: In der Nähe der „Waldburg“ Böblingen wird ein Aussichtsturm, welcher als Flugnebenwache eingerichtet werden soll, erstellt. Die Wachmannschaften werden in der „Waldburg“ untergebracht. Hier ist die im Untergeschoss gelegene Waschküche als Nachtlokal vorgesehen. Es befindet sich hierin jedoch nur ein Betonboden, sodaß die Legung eines tannenden Bretterbodens dringend notwendig ist. Auch ist die Einrichtung von elektrischem Licht erforderlich, was keine zu hohen Kosten verursacht, weil in der „Waldburg“ ein Anschluß bereits vorhanden ist. Alsdann wäre noch die Beschaffung eines einfachen Ofens erforderlich, welcher ebenfalls im Wachlokal aufzustellen wäre. Die gesamten Kosten würden sich laut beiliegenden Voranschlag des Militär-Neubauamtes auf rund 240,– Mark belaufen.

Beschlagnahmeverfügung Oberamt Böblingen an Stadtschultheißenamt 11.Mai 1917: Die Heeresverwaltung bedarf für die Unterbringung einer Flugnebenwache in dem der Brauerei Dinkelacker in Böblingen gehörige von Wirt Grombach gemieteten Wirtschaftsanwesen „Zur Waldburg“ in Böblingen zweier im Untergeschoss und I.Stock befindliche Zimmer. Diese Räume werden aufgrund des Kriegsleistungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Mai 1917 ab hiermit beschlagnahmt

1928 wurde der Flieger-Beobachtungsturm abgerissen und an der gleichen Stelle ein Wassertum errichtet