Italien

…. zu Gast in Böblingen

In Vertretung des Reichsluftfahrtministers kündigte der Präsident des Luftamtes München am 27.Mai 1934 für den 30. Mai 1934 eine italienische Militärfliegerstaffel auf dem Wege Undine-Brüssel mit Station in Stuttgart als Gäste der Landesregierung an. Er hatte bereits den Flotten-Kommodore Mohr „bestimmte Weisungen“ für die Empfangsvorbereitungen erhalten… denn dieses Unternehmen war nicht „ohne“, denn in einem Schreiben hieß es:

Nach fernmündlicher Mitteilung von Oberleutnant Druffner werden die italienischen Flieger, wenn sie nur 3 Stunden Aufenthalt nehmen, in Böblingen bleiben. Falls sie über Nacht in Böblingen bleiben würde, sei in der Villa Berg ein Frühstück, gegeben von den Vertretern der Reichsregierung, zu Ehren der italienischen Gäste vorgesehen. An diesem sollten aber nur ganz wenige Personen teilnehmen, außer dem Herrn Reichstatthalter für die Württ. Regierung noch der Herr Ministerpräsident und der Herr Innenminister. Vonseiten der Württ. Regierung komme im übrigen ein offizieller Empfang nicht infrage. Der Besuch soll nicht zu sehr in die Öffentlichkeit dringen, da es sich in Wirklichkeit um italienische Militärflieger handelt, die nach den Vertragsbestimmungen mit den Entente-Staaten eigentlich nicht Deutschland überfliegen dürfen. Deshalb sind diese Flieger auch als Flieger der kgl. italienischen Regierung getarnt. Im NS-Kurier kommt allerdings heute früh schon ein Bericht.

Fiat CR 30 Staffel

deutsche Luftwaffenoffiziere und die italienischen Piloten

eine Klemm-Staffel überfliegt zum Gruße die italienische Militärstaffel

eine Klemm-Staffel überfliegt zum Gruße den Flugplatz

Anton Riediger und deutsche Offiziere besichtigen eine italienische Fiat CR30

Fluglehrer Lindenberger vom Böblinger Flughafen

Hauptmann Stanischewski vom Böblinger Flughafen


In der Badischen Presse vom 31.5.1934 kam ein ausführlicher Bericht über den Besuch, der im Stil der damaligen Zeit stark idioloisch geprägt ist

Italienischer Fliegerbesuch

Empfang des italienischen Fliegergeschwaders in Böblingen/Begrüßung durch Karlsruher Sportflieger-Geschwader

(Von unserem nach Böblingen entsandten Sonderberichterstatter)

Ein italienisches Fliegergeschwader hat auf Einladung der Reichsregierung auf dem Fluge von Italien nach Brüssel einen kurzen Aufenthalt in Stuttgart genommen, wo die italienischen Flieger herzlich empfangen wurden. Am Mittwochnachmittag um 1/2 Uhr ist das italienische Geschwader von elf Flugzeugen in Böblingen zum Fluge nach Brüssel gestartet. Die italienischen Flieger überflogen Karlsruhe um 1.45 Uhr mittags, um dann den Rhein entlang nach Brüssel zu gelangen. Ein Mitglied der Schriftleitung der Badischen Presse war bei dem Empfang der Italiener in Böblingen und gibt darüber folgendes Stimmungsbild:

Im Geschwaderflug nach Böblingen

Der Besuch einer Fliegerstaffel der Königlich-Italienischen Luftstreitkräfte in Böblingen gestaltete sich am Dienstag und Mittwoch zu einer herzlichen Kundgebung deutsch-italienischer Fliegerkameradschaft. Die Reichsregierung hatte die Italiener, welche sich auf dem Fluge von Italien nach Brüssel befanden, zu einem Aufenthalt auf deutschem Boden eingeladen. Am Dienstag fand im Hotel Marquardt in Stuttgart zu Ehren der Gäste ein Festabend statt, bei dem herzliche Reden gewechselt und die sportkameradschaftlische Freundschaft der deutschen und italienischen Flieger gefeiert wurde. Den Besuch italienischer Flieger im benachbarten Böblingen benützte die Fliegerortsgruppe Karlsruhe des DLV zu einem Geschwaderflug zu Ehren der italienischen Gäste nach Böblingen. Wir hatten Gelegenheit im Führer-Flugzeug, das von Ministerialrat Kraft gesteuert wurde,-  die beiden anderen Karlsruher Flugzeuge führten der einstige Kriegspilot Ritscherle und der Karlsruher Segelflieger Dipl.- Hifmann – den Geschwaderflug nach Böblingen mitzumachen, der auf dem Böblinger Flugplatz unvergessliche flugsportliche Eindrücke vermittelte. In Böblingen herrschte am Mittwoch Hochbetrieb.  Während die elf wunderbaren italienischen Jagdeinsitzer militärisch begrüßt wurden, landeten Verkehrsmaschinen aus allen Herrn Länder. Da war die große dreimotorige Rohrbach zur Luftreise nach Barcelona startbereit. Eine tadellose Condor- Verkehrsmaschine, in der Form unserer Blitz-Flugzeuge (Heinkel He70), brachte die Gäste aus der Schweiz, und eine Junkers-Maschine vermittelte den Luftverkehr nach der Reichshauptstadt.

Wolf Hirth erzählt

Deutschlands populärster Segelflieger, Wolf Hirth, war zur Begrüßung der italienischen Flieger vom Segelfliegerlager Hornberg nach Böblingen gekommen. Kaum waren wir auf dem Böblinger Flugplatz gelandet, da erschien Hirth über dem Flugplatz, drehte Dutzende von Loopings so nieder, in etwa 40 Meter Höhe über dem Platz, dass einem fast das Herz stillstand. Später konnten wir Wolf Hirth einen kurzen Augenblick über seine Südamerikareise ausfragen, wobei er allerhand Interessantes zu erzählen wusste. Das Segelfluggelände auf der Hornisgrinde, auf dem wir selbstverständlich im Hinblick auf die gezeigten Leistungen der badischen Segelflieger zu sprechen kamen, kennt der württembergische Segelflieger schon länger. Lächelnd meint wer, dass er schon vor Jahren in einer Freudenstädter Zeitung auf das naheliegende vorzügliche Segelfluggelände aufmerksam gemacht habe. Über die Karlsruher Luftfahrtwerbewoche wird Wolf Hirth auf Einladung der Karlsruher Fliegersportgruppe voraussichtlich nach der badischen Landeshauptstadt kommen, um der Karlsruher Bevölkerung seine Segelflugkunststücke zu zeigen. Hirths Segelflugkunststücke fanden begreiflicherweise die helle Begeisterung der Italiener, die staunend auf dem Platz standen und die  fabelhaften Kunstflüge Wolf Hirths verfolgten. Als der Segelflieger dann in eleganter Landung direkt vor dem italienischen Geschwader seine Maschine hinsetzte, da liefen die italienischen Offiziere auf Wolf Hirth zu, um ihm die Hand zu drücken und in ihrem südländischen  Temperament die Bewunderung über seine meisterliche Fertigkeit im Segelflug, den die Italiener überhaupt nicht kannten, zum Ausdruck zu bringen.

380 Kilometer in der Stunde

Es war ein kleiner Trost für uns Deutsche, diese Segelflugleistung Wolf Hirths vor den italienischen Gästen. denn als man den mit allen Feinheiten der Technik ausgestatteten Jagdeinsitzern mit ihren 60 PS-Fiatmotoren stand, da sah man so richtig, was der Versailler Vertrag dem deutschen Flugsport angetan hat. In etwas mehr als zwei Stunden war das italienische Geschwader am Dienstag über die Alpen nach Böblingen geflogen, seine fliegerische Leistung, die wirklich Bewunderung verdient. 380 Kilometer können diese italienischen Einsitzer in der Stunde zurücklegen, eine Geschwindigkeit, die für unsere Begriffe fast unvorstellbar ist, wenn wir an unsere bescheidenen Sportflugzeuge, mit 80 oder allerhöchstens 120 PS denken. Vor dem Abflug hatten wir Gelegenheit, uns mit einem der italienischen Offiziere zu unterhalten, der etwas gebrochen deutsch sprach.  Das italienische Geschwader wird in Brüssel an einer Militär-Flugveranstaltung teilnehmen, bei der Frankreich, England, Holland und Belgien beteiligt sind. Von Brüssel fliegen die Italiener über Paris, Lyon, Turin nach ihrem Heimathafen zurück. Es sind alles prachtvolle Sportmenschen, die in ihren flotten Fliegeruniformen einen ausgezeichneten Eindruck machen. Fliegerisch sind die Italiener fast unübertrefflich. Schon am Dienstag nach ihrer Ankunft gaben sie einige Proben ihres fliegerischen Könnens. Die Exaktheit und Entschlossenheit der Italiener im Geschwaderflug ist bemerkenswert. Mann staunte, als schließlich die Italiener ihre Loopings im geschlossenen Geschwader ausführten.

Festlicher Abschied

Zum Abschied der Italiener waren am Mittwochmittag auf dem Böblinger Flugplatz zahlreiche Ehrengäste erschienen. man sah u.a. Reichsstatthalter Murr, Ministerpräsidenten Mergenthaler, den Präsidenten des Luftamtes München, Ebert, als Vertreter des Heizluftfahrtministers Göring, ferner alles was in der württembergischen Fliegerei einen Namen hat.  Die Landesgruppe Württemberg des Deutschen Luftsportverbandes war mit mehreren Ortsgruppen und einem Musikzug unter Führung von Landesgruppenführer Dr. Sommer aufmarschiert. Schon die Flaggenhissung der italienischen und deutschen Fahnen gestaltete sich außerordentlich feierlich. Um die Mittagsstunde erschienen sodann die italienischen Gäste in Begleitung des italienischen Konsuls und des Luftattachés der italienischen Botschaft in Berlin. Der Führer des italienischen Geschwaders, Oberst Barberino, schritt in Begleitung des Präsidenten des Luftamtes München  die Front der uniformierten Flieger der Landesgruppe ab. Präsident Ebert übermittelte sodann den italienischen Gästen  nochmals die Grüße des Reichsluftfahrtministers und dankte den Italienern, dass sie die Einladung der Reichsregierung angenommen haben. Er wünschte den Italienern auf ihrem Weiterflug viel Glück. Der Kommandeur des italienischen Geschwaders sprach auf italienisch, das später von dem italienischen Konsul verdolmetscht wurde, den Dank für den überaus herzlichen Empfang in Deutschland aus. Die italienischen Flieger würden besten Eindruck von ihrem Aufenthalt mit nach Hause nehmen. Sie bedauerten lebhaft, dass sie das reizende Schwabenland und ihre Hauptstadt nicht näher kennen lernen. Sie hätten sich aber schon auf ihrem Fluge üer Württemberg von den Schönheiten des Landes überzeugt. Der italienische Konsul fügte anschliessend noch seinen Dank des italienischen Volkes für die herzliche Aufnahme der Flieger. Inzwischen waren die Angehörigen des Geschwaders ganz in weißen Anzügen  vor den Flaggenmasten angetreten, wo sie ein dreifaches „Eiah, Eiah, Eiah“ auf die deutschen Fliegerkameraden ausbrachten. Dann rollte das Geschwader zum Start, der in drei Abteilungen erfolgte. Noch einmal exerzierten die Italiener vor ihrem Abflug so exact in Geschwaderform, dass man bewundernd über diese Diziplin der Fliegerstaffel den italienischen Fliegern nachschaute.

Was lehrt der italienische Besuch

In wenigen Tagen beginnt in Deutschland die Luftfahrt-Werbewoche, die das deutsche Volk auf die deutsche Fliegerei und ihre Zukunft besonders aufmerksam machen soll. Wer am Mittwoch auf dem Böblinger Flugplatz vor den italienischen Jagdeinsitzern stand, der konnte voll Wehmut recht deutlich den Unterschied zwischen dem Stand der Fliegerei im Ausland und des deutschen Flugsportes erkennen. Wir sind, das war das einstimmige Urteil aller anwesenden Flieger, trotz der fabelhaften Einzelleistungen deutscher Flieger durch den Versailler Vertrag in einem geradezu erschreckenden Ausmaß am Ausbau unseres Luftsportes gehindert. Die geringe Freiheit, die dem deutschen Volke auf flusportlichem Gebiet durch das Friedensdiktat von Versailles gelassen wurde, muß aber restlos ausgenützt werden. Die Feutsche Luftfahrt-Werbewoche soll dasdeutsche Volk über die Wichtigkeit und Bedeutung des deutschen Luftsportes aufklären. Jeder muß in diesen Tagen sein Scherflein zur Förderung des deutschen Luftsportes beitragen, damit wir auf luftsportlichem Gebiet im Wettstreit der Nationen bestehen können.


 

 

 

 

Jetzt noch ein Bericht eines verunglückten Flugzeuges  der italienischen Flugzeugstaffel beim Anflug auf Böblingen: Der damalige Kontrolleur der Deutschen Lufthansa auf dem Flughafen Böblingen, Otto Beeler, half dabei das Flugmaterial zu bergen. Als Dank und Anerkennung dafür erhielt Beeler einen Brief des damaligen Reichsministers der Luftfahrt Milch, der ein Dankesschreiben des italienischen Luftattaché mit einer goldenen Uhr an ihn weiterleitete.