Daimler

… wie es zur Ansiedlung in Sindelfingen kam

Zu der Frage, wie der Daimler nach Sindelfingen kam, gibt es zwei Aussagen:

  1. Als Ausgleich für Landabgabe an den Böblinger Militärflughafen, populär ausgedrückt: „ohne den Böblinger Flughafen gäbe es keinen Daimler in Sindelfingen“. Die nachfol-genden Ausführungen gehen davon aus.
  2. Böblingen wollten den Daimler nicht und so bekam ihn Sindelfingen. Diese Aussage ist aber nicht belegbar.

Es wäre vielleicht auch ganz anders verlaufen, wenn der Flughafen  nach Herrenberg gekommen wäre, denn im Gemeinderatsprotokoll der Oberamtsstadt Herrenberg vom   18. Juni 1915 findet sich folgender Satz:

„Der Erlass des K.Kriegsministeriums vom 06.Juni 1915, Nr.4986, wonach von dem Anerbieten des Stadt zur unentgeltlichen Abgabe des Geländes für einen Flugplatz kein Gebrauch gemacht werden könne, da eine andere Entscheidung bereits erfolgt sei (Böblingen !!), wird zur Kenntnis der Kollegien gebracht.“

Interressant ist das Datum 06. Juni 1915, da am 05. Juni 1915 der Sindelfinger Stadt-schultheiß Hörmann von Garnisonsverwaltungsdirektor Baur aus Stuttgart erfuhr, daß in der Ebene zwischen Sindelfingen und Böblingen ein Flughafen geplant sei. (siehe weitere Ausführungen)

Und auch, wenn Ludwigsburg oder Fellbach den Flughafen bekommen hätte, wäre der „Daimler“ wohl nicht nach Sindelfingen gekommen. „Das lange Feld“ bei Ludwigsburg lehnte das Kriegsministerium als „Kornkammer“  Württembergs ab, die Verhandlungen mit Fellbach scheiterten wegen des zu hohen Preises für Grund und Boden.

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Der nachfolgende Artikel aus dem Sindelfinger Jahresbericht 1967 wurde uns freundli-cherweise vom Stadtarchiv Sindelfingen zur Verfügung gestellt:

Die Ansiedlung der Firma Daimler-Benz AG in Sindelfingen

von Dr. Hans Specker, Stadtarchivassessor, Ulm (Auszüge, gekürzt)

Anfang des 20. Jahrhunderts war Sindelfingen eine Kleinstadt mit wenigen bedeutenden Gewerbebetrieben. Nachdem 1904 das Gaswerk eröffnet wurde, Sindelfingen ab 1907 über Elektrizität verfügte und 1914 der Streckenabschnitt der Bahn Böblingen-Sindelfingen eröffnet wurde (Anmerkung: die ganze Bahnstrecke Böblingen-Renningen, auch Rankbachbahn genannt, wurde am 01. Oktober 1915 eingeweiht), waren die Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung der Stadt geschaffen.

Schon Anfang 1912 beschäftigte sich der damalige Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann und der Gemeinderat mit der möglichen Ansiedelung von geeigneten Industrieunternehmen. Als Standort wies man auf die Sindelfinger Bahnhofsgegend hin. Der Beginn des Weltkriegs am 01.August 1914 schien diese Bemühungen für die Weiterentwicklung Sindelfingens jäh zu stoppen.

Jetzt trat aber eine andere Entwicklung ein. Mit dem Weltkrieg trat ein wachsender Bedarf an Piloten auf und dazu mußten neue Flugplätze zu Schulungszwecken eingerichtet werden. Ein solcher war, wie Stadtschultheiß Hörmann am 05. Juni 1915 von Garnisonsverwaltungsdirektor Baur aus Stuttgart erfuhr, in der Ebene zwischen Sindelfingen und Böblingen geplant.

HörmannIn einer auf den 07. Juni 1915 einberufenen Gemeinderatssitzung informierte der Stadt-schultheiß das Gremium über dieses Vorhaben, lokalisierte die Lage des Flugplatzes, der sich vom Bahnhof Böblingen in Richtung Sindelfingen bis zum Riedmühlekanal erstrecken sollte, und gab an, daß auf Sindelfinger Markung etwa 200 Wiesengrundstücke mit insge-samt annähernd 50 ha davon betroffen würden. Der Gemeinderat vertrat daraufhin zwar die Ansicht, daß man dem Plan der Militärverwaltung keine Schwierigkeiten bereiten wolle, zumal angesichts des großen Wiesengeländes der Stadt die benötigte Fläche ohne nennenswerte wirtschaftliche Einbuße abgegeben werden könne, daß man jedoch erwarte, dieses Entgegenkommen durch die Anlage von militärischen oder gewerblichen Einrich-tungen auf Sindelfinger Markung honoriert zu sehen.

In diesem Sinne verhandelte dann Stadtschultheiß Hörmann mit der königlichen Garnisonsverwaltung in Stuttgart und betonte in einem Schreiben vom 22. Juni 1915 noch einmal, daß Sindelfingen für den geplanten Flugplatz dieselben Flächenopfer bringen müsse wie Böblingen. Er anerkannte, daß Böblingen naturgemäß der Hauptvorteil aus dieser Einrichtung zufallen werde, bat aber doch eindringlich darum, auch Sindelfingen bei der Planung der notwendigen Anlagen zu berücksichtigen, wobei er konkret an Magazine, Werkstätten oder industrielle Unternehmen dachte. Durch das zusätzliche Angebot von günstigen Fabrikbauplätzen in unmittelbarer Nähe zum Flugplatzes hoffte der Stadt-schultheiß seiner Bitte besonderen Nachdruck zu verleihen. Mehr formalen Gründen scheint daneben der gleichzeitig geäußerte Wunsch entsprungen zu sein, den Flieger-übungsplatz nach beiden beteiligten Städten „Böblingen-Sindelfingen“ zu bezeichnen. Auf diese terminologische  Frage ging die Garnisonverwaltung überhaupt nicht ein, und auch seitens der Stadt Sindelfingen wurde ihr im Verlauf der folgenden Ereignisse keine Bedeutung mehr zugemessen.

Unerwartet rasch führte nämlich die Eingabe vom 22. Juni 1915 in ihrem wesentlichsten Punkt zum Erfolg: in der Ansiedlung eines Weltunternehmens, der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG).

dmg

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges zwang die Daimler-Motoren-Gesellschaft zu vollständiger Umstellung ihrer Produktion, bedingt durch den „erheblichen Bedarf de Heeresverwaltung an unseren Fabrikaten“, wie es im Bericht des Vorstands über das Jahr 1914 ausgedrückt wurde. War man bisher an langfristige Dispositionen gewohnt, so wurden nun knappe Liefertermine gesetzt, die bauliche und maschinelle Erweiterungen notwendig machten.

Auf dringliches Ersuchen der Inspektion der Fliegertruppen wurde zudem 1915 die Her-stellung von Flugzeugen neu ins Programm aufgenommen. Jetzt reichten die Kapazitäten in Untertürkheim aber nicht mehr aus. In der Daimler-Aufsichtsratsitzung vom 04. Mai 1915 beantragte daher Kommerzienrat Berge vom Vorstand der DMG, geeignetes Gelände zur Errichtung einer Flugzeugfabrik auszusuchen. Sein Antrag wurde angenommen und Kommerzienrat Berge zusammen mit den Aufsichtsräten Dr.v. Gontard und Dr. Duttenhofer mit den entsprechenden Vorarbeiten beauftragt.

Dr. Ernst Berge

 

Max Wilhelm Heinrich von Duttenhofer

Es ist anzunehmen, dass die Beauftragten der Daimler-Motoren-Gesellschaft mit ihrem Anliegen zunächst an die Garnisonsverwaltung in Stuttgart wandten, denn sicherlich war ihnen die vorgesehene Anlage eines Flugplatzes bei Böblingen nicht unbekannt geblieben. Ob auch der Sindelfinger Stadtschultheiß Hörmann bereits in diesem Stadium der Verhandlungen von dem Vorhaben des Untertürkheimer Werks Wind bekommen hatte, ist auf Grund der Akten nicht zu entscheiden. Man könnte es fast vermuten, da auf die Eingabe der Stadt Sindelfingen vom 22. Juni 1915, Garnisonsverwaltungsdirektor Baur, der als Vermittler fungierte, schon am 28. Juni den Entwurf eines Vertrages zwischen der DMG und der Stadt Sindelfingen übersandte.

Dieser Vertrag kennzeichnete das von der DMG zu erwerbende Gelände, das in unmittelbarem Anschluss an den Flugplatz im Süden durch den Lauf der Schwippe und des Mühlbachs (Riedmühlekanal) , im Osten durch die heutige Tübinger Allee, im Norden durch das Areal der Eisenbahn und im Westen durch den zur Riedmühle führenden Weg begrenzt sein sollte. Die Stadt mußte sich verpflichten, die Grundstücksaufkäufe nach Kräften zu unterstützen und einen Durchschnittspreis von max. 38 Pfennigen pro qm garantieren. Die Gas-und Wasserleitungen sollten zu Lasten der Stadt gehen, die auch die beiden Zufahrtsstrassen zum Werk von der Tübinger Allee und vom Bahnhof her auf ihre Kosten bauen und beleuchten mußte. Schließlich hatte sich die Stadt noch zu verpflichten, auf die Dauer von 10 Jahren, vom 01.April 1916 an gerechnet, höchsten 6 Prozent der Gemeinde-Steuer-Ertragskataster von der DMG zu erheben. Das Datum ist insofern interessant, als es den Zeitpunkt angibt, zu welchem das Werk mit der Aufnahme der Produktion in Sindelfingen rechnete.

Am 06. Juli 1915 wurde der Vertrag von den Direktoren Berge und Baurat Paul Daimler

Paul Daimler

(übrigens der älteste von fünf  Gotlieb Daimler-Kindern), für die DMG und einen Tag später von Stadtschultheiß Hörmann für die Stadt Sindelfingen unterzeichnet, der aber nur vorbehaltlich der Zustimmung des Gemeinderats. Mercedes-Benz Chronik

Wiederum war es Garnisonsverwaltungsdirektor Bauer, der den Vertrag persönlich nach Untertürkheim brachte. Die dort  unter dem 09.Juli 1915 mit dem Vermerk „Vertraulich“ nach Sindelfingen gesandte Empfangsbestätigung stellt die erste aktenmäßig belegbare Kontaktaufnahme zwischen der DMG und der Stadt Sindelfingen dar.

Auf der eigens für diesen Zweck einberufenen Gemeinderatssitzung legte Stadtschultheiß Hörmann am 09. Juli 1915 den Vertrag zur Beratung und Beschlußfassung vor. Fast alle Mitglieder dieses Gremiums meldeten sich zu Wort und hoben die Vorteile  hervor, die die Niederlassung dieser Gesellschaft für Handel und Gewerbe Sindelfingens nach sich ziehen würde. Demgegenüber fielen die von der Stadt über die Finanzierung der Grund-stückspreise zu bringenden Opfer kaum ins Gewicht, zumal sie ja in absehbarer Zeit durch die Steuerzahlungen der Firma Daimler wieder aus geglichen würden.  Einstimmig wurde daher in namentlicher Abstimmung der vorgelegte Vertrag genehmigt und beschlossen, bei den Grundstückseigentümern dahin zu wirken, keine übertriebenen und unannehmbare Forderungen zu stellen.

Letzteres blieb nun ein frommer Wunsch,  denn dem am 24. Juli 1915 erneut zusammen-getretenen Gemeinderat mußte der für die Grundstückskäufe bestellte Ausschuss von teilweise recht unerfreulichen Verhandlungen berichten. Manche Eigentümer, so wurde vorgetragen, zeigten sich recht streitbar und verlangten Preise, die in keinem Verhältnis zum Wert und zur Lage der Grundstücke stünden; statt Rücksichtnahme auf die Allgemeinheit sei eher krasse Habsucht zu finden. Erregt beriet der Gemeinderat die sich daraus ergebene Lage, verwarf aber dann doch den Vorschlag, die Namen der widerstrebenden Grundstücksbesitzer zu veröffentlichen und beschloß, die Aufkäufe eine Zeitlang ruhen zulassen.  Offenbar hoffte man, die Einwohner und Nachbarn könnten die „Halsstarrigen“ währenddessen zu einer Sinnesänderung bewegen.

Unschwer lassen die Akten erkennen, daß Gemeinderat und Stadtschultheiß die durch die Ungunst der Verhältnisse erzwungene Unterbrechung im raschen Ablauf der Verhand-lungen nur schwer ertrugen. Sie mußte ihnen um so ungelegener erscheinen, als die DMG am 01. August 1915 einen Plan vorlegte,  wonach die ursprünglich vorgesehene Fabrikan-lage durch ein zweites Bauprojekt wesentlich erweitert und dafür zusätzliche 13 Hektar Grundstücksfläche aufgekauft werden sollten. Es war dabei vor allem daran gedacht, nun auch noch Zubehör-Fabriken mit den entsprechenden Lagerplätzen zu errichten und damit statt der zunächst geplanten 200 nunmehr 800-1.000 Arbeitsplätze in Sindelfingen zu schaffen. Auch eine gewisse Raumreserve sollte vorgesehen werden, da von der Voraussetzung ausgegangen wurde, daß das Unternehmen auch nach dem Friedensschluß große Aufgaben zu erfüllen habe und daher auf Expansion bedacht sein müsse.

Die DMG anerkannte in diesem Schreiben ausdrücklich das bisherige Entgegenkommen der Stadt Sindelfingen, hielt es aber, vermutlich angesichts der zum Teil schleppenden Grundstücksverhandlungen, doch für angezeigt, noch einmal auf die der Stadt aus ihrer Niederlassung erwachsenden Vorteile hinzuweisen, ehe sie eine Ergänzung des Vertrags vom 06. und 07.Juli 1915 vorschlug. Am 06. +07. August 1915 wurde dieser Nachtrag von den Beauftragten beider Vertragspartner unterzeichnet und am 08. August 1915 vom Sindelfinger Gemeinderat verabschiedet. Er sah eine Erweiterung des Fabrikareals westlich des Riedmühlewegs vor, setzte einen endgültigen Grundstückspreis dafür zwar noch nicht fest, begrenzte ihn jedoch nach oben auf 65 Pfennige pro Quadratmeter.  Um Unbilligkeiten auszugleichen, die sich daraus ergaben, daß die Grundbesitzer östlich des Riedmühleweges wesentlich billiger hatten verkaufen müssen, setzte Stadtschultheiß Hörmann ferner einen Passus durch, demzufolge ein etwa verbleibender Überschuss aus der für das neue Gelände bewilligten Kaufsumme für eine zusätzliche Entschädigung der Betroffenen verwendet werden durfte.

Am nächsten Morgen begann der von der DMG beauftragte Garnisonsverwaltungs-direktor Baur mit den Grundstücksaufkäufen für das erweiterte Gelände,  die sich immer schwieriger gestalten mußten, je mehr Grund und  Boden durch die Aufkäufe dem freien Verkehr entzogen wurden. Weitere Verzögerungen traten dadurch ein, daß viele Grund-stückseigentümer im Felde standen und erst einzeln von Hörmann angeschrieben und zum Verkauf ihrer Grundstücke bewogen werden mußten. Auf den an sich naheliegenden Vorschlag, für die abzugebenden Grundstücke gleichwertigen Ersatz aus dem Grund-vermögen der Stadt zu leisten, wollte der Gemeinderat nicht eingehen, um keine Präze-denzfälle zu schaffen.  Am  29. August 1915 konnte Hörmann dem Gemeinderat berichten, daß der Grunderwerb bis auf die Grundstücke von vier namentlich bekannten Sindelfingern abgeschlossen waren. Aber gerade die veranlaßte die DMG am 05. September 1915 daraufhin zu weisen, daß sie ihre Fabriken nicht nach Sindelfingen verlegen könnte, falls es nicht gelänge, die fraglichen Grundstücke zu erwerben.  Um ihrer Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, wies die DMG gleichzeitig darauf hin, daß ihr in letzter Zeit von einer Reihe anderer Gemeinden günstige Angebote unterbreitet worden wären, eine rasche Entscheidung also auf jeden Fall geboten erscheine. Die Briefe, die Hörmann den Widerstrebenden darauf schrieb, ließen denn auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Trotzdem ging nur einer von ihnen auf das Angebot zu Verkauf ein, während die übrigen drei die Zwangslage der Stadt zu nutzen verstanden und auf ihren unverhältnismäßig hohen Grundstückspreisen beharrten – mit Erfolg, denn am 02. Oktober 1915 mußte der Gemeinderat wohl oder übel ihre Forderungen akzeptieren, um nicht das gesamte Projekt zu gefährden.

Einige statistische  Angaben mögen  verdeutlichen, welch großes Arbeitspensum die Grundstücksaufkäufer innerhalb des relativ kurzen Zeitraumes von Juli bis Oktober 1915 bewältigt haben:  Für die auf Grund des Vertrags vom 06/07.Juli 1915 östlich des Riedmühlwegs erworbene Fläche von insgesamt 37 ha 96 ar 21 qm mußte mit 116 Eigentümern verhandelt werden, und für das kleine Gelände westlich des Riedmühlwegs mit 13 ha 87 ar 33 qm im Vertrag vom 06/07.August 1915 waren es doch immerhin noch einmal 55 Grundbesitzer, mit denen eine Einigung zu erzielen war.

Flurkarte des späteren Werkgeländes der DMG

Flurkarte des späteren Werkgeländes der DMG

Da die DMG vorher Höchstpreise von 38 bzw. 65 Pfennigen/qm festgesetzt hatte, die Grundstücke aber erheblich teurer erstanden werden mußten, betrug der Zuschuss  der Stadt Sindelfingen für den Grunderwerb insgesamt 76.664,97 Mark. Diese Tatsache sollte knapp zwei Jahre später zu einem Nachspiel vor dem Landtag führen, indem der Abgeordnete Leibfried in der Sitzung vom 12. Juli 1917 die „fast kostenlose“ Abgabe von Gelände zur Ansiedlung von Rüstunsgbetrieben rügte und dabei in Andeutungen auch auf das Sindelfinger Werk der DMG hinwies. Wesentlich konkreter und zugleich auch offensiver war der Bericht über diese Sitzung in der „Schwäbischen Tagwacht“ vom 14. Juli 1917, der auch Details des Vertrages zwischen der Stadt Sindelfingen und der DMG nannte, aber zu referieren vergaß, daß dieser Vertrag freiwillig und einstimmig vom Sindelfinger Gemeinderat angenommen worden war in dem Bewußtsein, damit den Interessen der Stadt und ihrer Einwohner am besten gedient zu haben. Stadtschultheiß Hörmann versah daher die Pressenotiz mit dem lakonischen Vermerk „Schwindel“.

Dr.jur.Alfred von Kaulla

Dr.jur.Alfred von Kaulla

 

Von den Plänen der DMG war bis zum Abschluß der Grundstücksaufkäufe allgemein bekannt geworden, dass Sindelfingen ein Flugzeugwerk und als zweites Bauprojekt noch nicht näher  bezeichnete „Zubehör-Fabriken “ entstehen sollten. (siehe Schreiben Daimler an Stadt Sindelfingen 03.November 1915 )

Erst nachdem am 11.November 1915 Alfred von Kaulla die entsprechenden Anträge genehmigt hatte, erfuhr die Öffentlichkeit, daß auch die Karosseriefabrikation von Untertürkheim nach Sindelfingen verlegt werde sollte und hierfür das westlich des Riedmühlwegs erworbene Gelände vorgesehen sei. (s. Schreiben vom 23. August 1915)

In dem Bericht des Vorstands für das Geschäftsjahr 1915 der Daimler-Motoren-Gesellschaft wird der Sindelfinger Grundstückskauf erwähnt.

Die  Sindelfinger Zeitung berichtet 1915 über die Daimler-Ansiedlung.

Die rasante Entwicklung der Daimler-Motorenwerke in Sindelfingen veranschaulichen die folgenden Fotos. Wenn man bedenkt, daß zwischen der ersten Sitzung des DMG-Aufsichtsrats im Mai 1915 und dem Beginn der (Flugzeug-)Produktion ca. neun Monate lagen, ist das eine unglaublich kurze Zeit gegenüber den heutigen langwierigen Genehmigungsverfahren bei einem etwa gleichem Projekt.

Werk Sindelfingen – Bau der Flugzeughalle, rechts Bahnhof 1916

Werk Sindelfingen – Gesamtansicht des Baugeländes 1916

Werk Sindelfingen – Flugzeughalle 1917

vl. Albatros C VII–2. Albatros C VII–3. Friedrichshafen Fdh G III–4. Daimler GD 5–5. Daimler G II–6. Daimler G III

Werk Sindelfingen- Luftansicht ca 1918

Werk Sindelfingen – Lageplan 1919

 

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Als Ergänzung zur Dokumentation nachfolgender Artikel, der uns freundlicherweise vom Stadtarchiv Sindelfingen zur Verfügung gestellt wurde: (entspricht im wesentlichen den Ausführungen von Dr. Hans Specker, Stadtarchivassessor, Ulm, am Anfang dieser Seite)

Aus der Geschichte des Daimler-Werkes Sindelfingen

Quelle: Sindelfinger Fundstücke -Von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Festschrift für Eugen Schempp, herausgegeben vom Stadtarchiv Sindelfingen, Sindelfingen 1991 [Stadtarchiv Sindelfingen Veröffentlichungen 1], S. 101 – 113. (Auszüge)

Autor: Horst Zecha

Die Begriffe „Sindelfingen“ und „Daimler-Benz“ sind heute aufs engste miteinander verbunden. Sindelfingen ist auch im Ausland als „Mercedes-Stadt“ bekannt. Weniger bekannt ist vielen sicherlich, dass das Zustandekommen dieser mittlerweile historischen Verbindung vor 75 Jahren auf kriegerische Ereignisse zurückzuführen ist. Die Geschichte des Sindelfinger Daimler-Werkes ist nämlich eng mit der Geschichte des Ersten Weltkrieges verknüpft. Mit der zunehmenden Bedeutung der Flugzeuge als Kriegswaffe seit 1914 ergab sich für die militärische Führung schon sehr bald die Notwendigkeit, sich nach geeignetem Gelände für neue Militärflughäfen umzusehen.

Als ein Standort für solch einen neuen Flugplatz war von den Militärs auch die Ebene zwischen Böblingen und Sindelfingen vorgesehen worden. Von dieser Planung unterrichtete Garnisonsverwaltungsdirektor Baur aus Stuttgart am 5.Juni 1915 den Sindelfinger Stadtschultheißen Hörmann. Das Flugplatzgelände sollte etwa zur Hälfte auf Sindelfinger Gemarkung liegen. In der Gemeinderatssitzung vom 7.Juni informierte Hörmann den Gemeinderat über dieses Vorhaben. Es kam zum Ausdruck, dass man sich schon aus vaterländischem Pflichtgefühl dem Ansinnen der Militärverwaltung nicht verschließen wolle und dass die Abgabe der Wiesengrundstücke auch keinen großen wirtschaftlichen Verlust für die Stadt bedeute. Allerdings erwarteten Bürgermeister und Gemeinderäte für ihr Entgegenkommen, dass Sindelfingen dafür bei der Anlage gewerblicher oder militärischer Einrichtungen berücksichtigt werde. Dieser Wunsch, die Militärverwaltung möge für Industrieansiedlung sorgen, war aus Sindelfinger Sicht sehr verständlich, war man doch bei der industriellen Entwicklung gegenüber Böblingen aus verschiedenen Gründen ins Hintertreffen geraten. Das in der Gemeinderatssitzung besprochene Anliegen trug Stadtschultheiß Hörmann in einem Schreiben vom 22.Juni 1915 der königlichen Garnisonsverwaltung vor. Die weitere Entwicklung vollzog sich nun in atemberaubender Geschwindigkeit. Bereits am 28.Juni, also sechs Tage nach dem Schreiben Hörmanns, übersandte der oben erwähnte Garnisonsverwaltungsdirektor Baur einen Vertragsentwurf für die Ansiedlung einer Flugzeugfabrik der Daimler-Motoren-Gesellschaft auf Sindelfinger Gemarkung. Dass Baur dem Sindelfinger Stadtschultheißen dermaßen schnell einen so attraktiven Vertragspartner anbieten konnte, lag daran, dass die Daimler-Motoren-Gesellschaft als mittlerweile größter deutscher Hersteller von Flugmotoren bereits seit längerem ein geeignetes Gelände zur Erstellung einer neuen Fabrik suchte. Der von der Militärverwaltung vorgeschlagene Vertragsentwurf wurde von der Stadt mit geringfügigen Änderungen akzeptiert, und am 6.Juli 1915, also gerade zwei Wochen, nachdem Hörmann die Angelegenheit in die Wege geleitet hatte, kam es zum Vertragsabschluß zwischen der Daimler Motoren-Gesellschaft und der Stadt Sindelfingen. Am 9. Juli billigte der Sindelfinger Gemeinderat einstimmig das Vertragswerk und brachte vor allem seine Freude darüber zum Ausdruck, dass die Ansiedlung eines „Unternehmens mit Weltgeltung“ gelungen sei.

Für die DMG wurde der Vertragsabschluß durch die günstigen Bedingungen, die die Stadt anbot, erleichtert. So garantierte Sindelfingen dem Unternehmen beispielsweise einen Grundstückspreis von 38 Pfennig/qm – ein auch für damalige Zeit sehr günstiges Angebot. Die Stadt verpflichtete sich, den Grundstückskauf zu übernehmen und eventuelle Preisdifferenzen aus der eigenen Kasse zu bezahlen. Möglicherweise bereute man auf Sindelfinger Seite diese Zusage schon bald, denn bereits am 24.Juli klagte der Gemeinderat, dass „manche Grundstücksbesitzer sich recht streitig zeigten und Preise verlangten, die in gar keinem Verhältnis zum Wert und zur Lage der Grundstücke stehen … Rücksicht auf die Allgemeinheit sei meist wenig zu finden, wohl aber große Habsucht“. Wegen des schleppenden Fortgangs der Grundstücksverhandlungen drohte die DMG ganz unverhohlen damit, sich in anderen Orten nach geeigneten Standorten umzusehen. Schließlich gelang es aber doch noch, die Grundstückskäufe rechtzeitig abzuschließen. Die Mehrkosten für die Stadt beliefen sich auf 76.000 Mark. Im Oktober 1915 konnte mit den ersten Baumaßnahmen begonnen werden.

Im Frühjahr 1916 lief die Fertigung an, die sich allerdings aufgrund des Mangels an qualifizierten Arbeitern und Rohstoffen schwierig gestaltete. Hergestellt wurden Kampfflugzeuge, die überwiegend in Lizenz für andere Firmen gefertigt wurden, es gab aber auch Eigenkonstruktionen. Die Anzahl der tatsächlich bis Kriegsende in Sindelfingen gefertigten Flugzeuge lässt sich nur grob schätzen und dürfte zwischen 250 und 300 liegen. Neben der Neufertigung war man in Sindelfingen auch zunehmend mit der Reparatur von Flugzeugen beschäftigt, gegen Kriegsende sollte auch noch die Flugmotorenproduktion aufgenommen werden. Die Beschäftigtenzahlen schnellten nach der Aufnahme der Flugzeugproduktion 1917 sprunghaft in die Höhe. Am 1.Januar 1917 bestand die Belegschaft noch aus 227 Personen, am 1.Januar 1918 waren es 1.900, und Anfang November 1918 erreichte die Belegschaft mit etwa 5.600 Arbeitern und Angestellten, davon etwa 1.000 Frauen, ihren Höchststand und überstieg damit auch die Gesamteinwohnerzahl Sindelfingens. Dass diese Personalexpansion in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren die Werksleitung, aber vor allem auch die Stadt vor riesige Unterbringungs- und Verpflegungsprobleme stellte, ist klar. Die Unterbringungs-möglichkeiten in Privatwohnungen und Gasthäusern wurden bis zum äußersten ausge-schöpft, außerdem viele Barackenunterkünfte erstellt. Wie drastisch sich gegen Kriegsende auch die Ernährungslage zuspitzte, macht ein Bericht der Daimler-Werksleitung vom August 1918 deutlich: „(…) Hier bekommt man ja tageweise nicht einmal Brot, ein Mißstand, der sicher bis jetzt in ganz Württemberg noch in keiner Stadt außer hier vorgekommen ist. (…) …, allein, die Gesamtstimmung unserer Arbeiterschaft ist derart, daß wir uns aufs Schlimmste gefaßt machen müssen, besonders, wenn sich die Vorfälle wiederholen sollten, daß unsere Küche ohne Kartoffeln und ganz Sindelfingen tagelang ohne Brot ist.“

Kriegsende und Revolution im November 1918 brachten für das Sindelfinger Werk tiefgreifende Veränderungen auf allen Gebieten. Wie überall in Deutschland übernahm im Zuge der Revolution auch im Sindelfinger Daimler-Werk der Arbeiterrat im November 1918 die Führung – zumindest kurzfristig. Es hätte aber vermutlich gar keiner streikenden Arbeiter bedurft, um das Sindelfinger Daimler-Werk lahmzulegen. Da das Werk zu 100 Prozent auf Rüstungsproduktion ausgerichtet war, kam die Fertigung nach Kriegsende praktisch vom einen auf den anderen Tag zum Erliegen. Die Belegschaft sank von 5.600 im November 1918 auf 1.200 im Oktober 1919, teilweise wurden mehrere hundert Entlassungen an einem Tag vorgenommen. Die Entlassungen schwächten auch die Stellung des Arbeiterrates entscheidend, so dass sich dieser bereits im Dezember 1918 wieder auflöste. Für die Stadt und ihre Einwohner bedeuteten die Massenentlassungen eine Katastrophe, wenn man auch berücksichtigen muss, dass die meisten Daimler-Arbeiter von auswärts kamen. Dafür verschärften aber wieder die zahlreichen Kriegsheimkehrer die Arbeitsmarktsituation in Sindelfingen. Die Umstellung des Sindelfinger Werkes vom Flugzeug auf den Karosseriebau im Lauf des Jahres 1919 – die Übergangszeit hatte man unter anderem mit der Produktion von Schlafzimmermöbeln zu überbrücken versucht – brachte zunächst aufgrund einer missglückten Modellpolitik nicht den gewünschten Aufschwung, vielmehr wurden die Probleme durch die Hyperinflation von 1923 noch verschärft.

Die Ansiedlung des Untertürkheimer Unternehmens 1915 hat das Bild der Stadt grundlegend verändert und ihre Geschichte maßgeblich beeinflusst.

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Logo 1916

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Ohne den I.Weltkrieg und den Plan, den Militärflughafen in der Nähe des in Stuttgart ansässigen Württembergischen Kriegsministeriums, in Böblingen, zu bauen, gäbe es wahrscheinlich keinen Daimler in Sindelfingen.

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Die Modellsportgruppe des SG Stern hat den Bahnhof  Sindelfingen mit dem DMG-Werk von 1917 nachgebaut.

 

2 Antworten zu Daimler

  1. Beduhn schreibt:

    Sehr geehrte Herren,
    mit großem Interesse habe ich heute den Bericht über den Flugplatz BB in der Kreiszeitung gelesen.
    Im Rahmen der SG Stern Sifi gibt es eine Eisenbahnmodellbau-gruppe, die den Anfang der DB-AG 1916-18 mit Bahnhof in Sifi im Maßstab 1:160 nachgebaut hat. Hierzu haben wir natürlich auch Recherchen angestellt, um autentisch bauen zu können. Es wäre doch sicher von Interesse, unser Material mit dem ihrigen abzugleichen.
    Ich hoffe, am Montag zu ihrem Vortrag gehen zu können. Wir könnten uns dann dort mit ihnen unterhalten.
    mit freundlichen Grüßen
    Rolf Beduhn

  2. Manfred GRÜN schreibt:

    Als „Nachkriegs-Stift“ in UT hat mich diese Seite sehr interessiert.
    Manfred GRÜN, Esslingen.

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