LH-Werkstätten mit Zwangs- Fremdarbeitern

… später auch mit Zwangs/Fremdarbeitern


Veröffentlichungen in chronologischer Reihenfolge

1. Gründung und Bedeutung der Werkstatt Stuttgart ereits 1936 verlegte die Lufthansa ihre Böblinger Werkstatt an den Flughafen Stuttgart-Echterdingen, wodurch sich der Standort zu einem ihrer zentralen Instandsetzungsbetriebe entwickelte. „Neue Überholungswerkstätten entstanden in Königsberg und Schkeuditz. Der Böblinger Betrieb zog zum Flughafen in Stuttgart-Echterdingen um.“ (S. 8) Diese Werkstatt entwickelte sich bis 1939 zum Musterbetrieb, weil sie – im Vergleich zu älteren Lufthansa-Werken wie Staaken oder Travemünde – moderner ausgestattet war und als eine der ersten völlig auf Reparaturen für die Luftwaffe (He 111) ausgerichtet wurde.

2. Arbeiterstruktur vor und zu Beginn des Krieges 1939/40 arbeitete in Stuttgart eine kräftig verjüngte Belegschaft mit hohem Facharbeiteranteil: „Lediglich der neuen Werkstatt am Stuttgarter Flughafen gelang es, eine Belegschaft mit einer insgesamt ausgewogenen Struktur – 75 % Facharbeiter – zu insgesamt niedrigen Löhnen aufzubauen. Der Preis war allerdings die Errichtung einer Werkssiedlung in Echterdingen – das unternehmerische Patentrezept gegen eine hohe Fluktuation.“ (S. 28)

3. Beginn des Ausländereinsatzes Im Verlauf von 1941 setzte hier der geplante Einsatz ausländischer Arbeiter ein. Zunächst handelte es sich vor allem um Niederländer (später auch Ungarn und sowjetische Zwangsarbeiter), die in Privatquartieren untergebracht wurden. „Die Stuttgarter Werkstatt begann im Herbst 1941 ebenfalls Niederländer zu beschäftigen. … Den größten Zustrom verzeichnete sie aber erst 1942, als die ersten ‚Holland-Aktionen‘ des GBA größere Kontingente von Zwangsarbeitern verfügbar machten.“ (S. 53) Ende 1941 bestand die Belegschaft aus 647 Arbeitern, davon 29 Niederländer (ca. 4,5 % der Gesamtbelegschaft). (S. 57, Tabelle 11)

4. Lage der ausländischen Arbeiter Stuttgarter Arbeiter lebten zunächst in Privatunterkünften, später im Barackenlager bei Bernhausen. Budraß beschreibt für Stuttgart besonders deutliche Unterschiede in der Behandlung und Versorgung zwischen West- und Osteuropäern: – „Die Ostarbeiter wurden am schlimmsten ausgebeutet und am schlechtesten versorgt … vermutlich wenig besser als die sowjetischen Kriegsgefangenen und die italienischen Militärinternierten.“ – „Der Zugang an Beschäftigten während des Jahres 1943 setzte sich hier überwiegend aus Frauen zusammen, zu denen auch etliche Kleinkinder und Säuglinge gehörten – wenn nicht gar ganze Familien deportiert wurden.“ (S. 109, 108, 111) Er belegt auch Kinderarbeit und den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion in der Stuttgarter Werkstatt. (S. 109)

5. Alltag, Kontrolle und Lagerleben Im Lager Bernhausen, das zur Stuttgarter Werkstatt gehörte, waren Plünderungen („Apfelschütteln“) und strenge Strafen dokumentiert: „Der stellvertretende Feldschütze […] lauerte den Bewohnern des Lagers in Bernhausen auf, um die Streuobstwiesen vor ihnen zu schützen. Die Strafe von 10 Mark […] machte im Fall der Niederländer ein Drittel des Wochenlohnes aus.“ (S. 107) Lebensmittelversorgung: „karg, aber ausreichend“; Verbesserung durch eigene Gemüsegärten im Sommer. (S. 106)

6. Verlagerungen und Luftangriffe

Ab 1943 verwandelte sich der Stuttgarter Raum durch Bombardierungen und militärische Nutzung drastisch: „Nachdem die Stuttgarter Überholungswerkstatt ihre Zellenreparatur im Herbst 1943 […] nach Böblingen zurückverlegt hatte […], wurde sie in Böblingen direkt nach ihrer Ankunft im November 1943 schwer durch einen Großangriff in Mitleidenschaft gezogen. Die verbliebene Motorenwerkstatt erhielt im März 1944 zahlreiche Bombentreffer und musste nach Haigerloch umziehen.“ (S. 96)

7. Ende des Krieges Bis Anfang 1945 war Stuttgart mehrfach verlegt worden. Ostarbeiter wurden schließlich zwangsweise zum „Schanzdienst“ (Frontarbeit) geschickt: „Die Kontrollwerkstatt Wien und die Staakener Hauptwerkstatt schickten im Januar 1945 etliche ihrer Arbeiter zum Schanzen an die Front, während die Schkeuditzer Werkstatt Ostarbeiter zur Ausbesserung des Westwalls abordnete.“ (S. 100)

8. Gesamtbewertung Stuttgart diente Budraß häufig als Beispiel für typische Dynamiken:

  • frühe Industrialisierung und hohe Facharbeiterquote,
  • später Übergang zu massivem Zwangsarbeitereinsatz,
  • soziale Spannungen zwischen niederländischen Arbeitergruppen („vergleichsweise gut versorgt“) und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen,
  • Kinderarbeit, schlechte Lebensbedingungen,
  • schließlich Zerstörung und chaotische Auflösung 1944/45.

Literaturhinweise bei Budraß Er stützt sich u. a. auf lokale Quellen:

  • Gudrun Silberzahn‑Jandt, Fremdarbeiter auf dem Flughafen während des Zweiten Weltkriegs, in: Der Flughafen Stuttgart 1937–1992, Filderstadt 1992.
    - Erwin Funk, Böblingen – Fliegerstadt und Garnison, Böblingen 1974.

Auf dem alten Friedhof in Böblingen befinden sich im Keller der Aussegnungshalle Erinnerungsräume des Künstlers von Aalst in Gedenken an seinenVaters.

Der Künstler Marinus van Aalst weiß von seinem Vater, dass Häftlinge getötet worden sind. Vergeblich fragte er nach, wo deren sterblichen Überreste geblieben sind. In Erinnerungsräumen gedenkt er ihnen – wie auch den Böblinger Bombenopfern.

Böblingen – Zwanzig Steintafeln liegen aneinandergereiht auf dem alten Friedhof in Böblingen. Nur wer genau hinsieht, erkennt die eingravierten Schriftzüge. Die grauen Platten tragen Namen, alles in allem sind es 44. Die Menschen starben beim Bombenangriff auf die Stadt am 7. Oktober 1943. „Eigentlich kamen 60 Menschen ums Leben“, sagt der Böblinger Künstler Marinus van Aalst, „wenn man die Opfer mitzählt, die im Arbeitslager der Nazis auf dem heutigen Flugfeld interniert waren.“ Marinus van Aalst hat Archive aufgesucht und musste feststellen, dass es so gut wie keine Dokumente über diese grausame braune Vergangenheit Böblingens mehr gibt. Um so wichtiger ist es ihm, den Mantel des Schweigens zu lüften.

Verwitterte Briefumschläge und Gürtelschnallen Marinus van Aalst tut das in seinen Erinnerungsräumen auf dem alten Friedhof. „Ich arbeite die Wahrnehmung der Böblinger Geschichte auf“, sagt der 71-Jährige. Seit sieben Jahren. Damals hat der Böblinger Gemeinderat das Projekt befürwortet. Der in Böblingen lebende gebürtige Rotterdamer hat das Flugfeld-Gelände in den Jahren 2000 und 2001 nach Relikten abgesucht, die von der Nazi-Herrschaft, Zwangsarbeit und von dem Leid zeugen. Verwitterte Briefumschläge, Schreibmaschinen-Durchschlagpapiere, durchlöcherte Leinen-Säcke, Rosshaar-Decken, Bruchstücke von Munitionskisten, Gürtelschnallen. „Mich interessiert das Liegengelassene, das Unerkannte, das in seiner Armut eine Schönheit erlangt“, ist auf einer seiner Notizblock-Seiten zu lesen. Vieles davon lagert in seinem Böblinger Archiv, manches ist in den Erinnerungsräumen in seinen Objekten zu sehen. Van Aalsts Vater war von 1942 bis 1945 Zwangsarbeiter auf dem Flugfeld. Er war bei der niederländischen Marine gewesen und dorthin verschleppt worden. Von ihm weiß er, „dass bis Mai 1945 tausende Gefangene für die militärische Kriegsproduktion eingesetzt wurden. Im nahe gelegenen Daimler-Werk in Sindelfingen und für die Lufthansa.“ Viele seien auch auf den Flugplatz von Stuttgart-Echterdingen gebracht worden, wo sie ebenfalls die Nazi-Flieger reparieren mussten. Meist stammten sie aus Osteuropa. Die Verständigung war schwierig. Es kam zu Missverständnissen. „Den Zwangsarbeitern wurde Sabotage vorgeworfen. Sie wurden erschossen“, hat van Aalst erfahren. Darüber wolle heute niemand mehr reden.

Kunstwerke aus Zivilisationsmüll. Marinus van Aalst sammelte auch schon in den 1960er Jahren Holz, Bleche, Draht, Papier, Kartons, Leder und vieles mehr und fügte sie zu Materialbildern. Zivilisationsmüll wandelt sich in seinen Installationen und Wandobjekten in erstarrte, akribisch angeordnete Assemblagen, meist in Grau- und Brauntönen. Seine Werke, die er in zahlreichen Ausstellungen präsentierte, sind von einer Symbolkraft, die an den Künstler Joseph Beuys erinnert. Auf dem Skulpturenpfad am Venusberg bei Aidlingen reihte van Aalst drei Holzkästen aneinander und schuf dazu einen begehbaren Holzkubus. In einem der Kästen siedelte er ein Bienenvolk an. Das Brummen und Summen wurde über ein Mikrofon und einen Lautsprecher in das Besucherhäuschen übertragen. Solchen Werken wohnt eine gewisse Poesie inne, ein Reiz des Sinnlichen. Bei Altdorf stellte er drei Eichenstämme in die Landschaft mit Stahlschaufeln. „Die Feldzeichen“ huldigen der schweißtreibenden Arbeit der Bauern. Bei aller Liebe zur Natur geißelt van Aalst aber auch deren Zerstörung, die Wegwerfgesellschaft, die Unterdrückung des Menschen – und die Nazi-Gräuel. „Kalklöschen“ nennt er eines seiner Objekte. „Kalk“, sagt van Aalst, „Kalk wurde auf die Leichen in den Massengräbern gestreut.“

Fotos von Gebäuden, in denen Häftlinge untergebracht waren. Allein schon der Geruch bei feuchtem Wetter lässt den Besucher in den Böblinger Erinnerungsräume unter der Friedhofskapelle schaudern. Das Kellergeschoss gleicht einem Verlies. Einst sollte hier ein Krematorium eingerichtet werden. Bei Sonnenlicht fallen tagsüber nur ein paar Strahlen durch die Fensterluken. Im Halbdunkel sind an einer Wand van Aalsts Tunnelstücke zu erkennen. 44 sind es – sie erinnern an die Opfer der Bombennacht und an die Stichgänge im Schutzstollen der Stadt. Hätte der Luftschutzbunker im Schlossberg beim Bombenangriff 1943 schon existiert, wären manche vielleicht nicht ums Leben gekommen. Im Juli 1944 wurde Böblingen abermals bombardiert. Beim Bunkerbau hatten Zwangsarbeiter vom Böblinger Militärflughafen mithelfen müssen. Untergebracht waren sie in Baracken und Nebengebäuden der Hangars. In den ehemaligen Flugzeughallen befindet sich heute das Oldtimerzentrum Motorworld. Als man aus dem Boden Bomben und Granaten zog, noch bevor die Gebäude für die Zwangsarbeiter abgerissen wurden, machte van Aalst Fotos, die er in seinen Erinnerungsräumen zeigt. Ihm sei damals der Zutritt auf das Gelände untersagt worden. Den Ort, an dem sein Vater eine bittere Zeit erlebte, hielt er trotzdem fest. Der Stadt legte er ein Nutzungskonzept für das Areal und die Gebäude vor. Der Künstler schlug eine Erinnerungsstätte vor – vergebens.

Fotos von Gebäuden, in denen Häftlinge untergebracht waren. Allein schon der Geruch bei feuchtem Wetter lässt den Besucher in den Böblinger Erinnerungsräume unter der Friedhofskapelle schaudern. Das Kellergeschoss gleicht einem Verlies. Einst sollte hier ein Krematorium eingerichtet werden. Bei Sonnenlicht fallen tagsüber nur ein paar Strahlen durch die Fensterluken. Im Halbdunkel sind an einer Wand van Aalsts Tunnelstücke zu erkennen. 44 sind es – sie erinnern an die Opfer der Bombennacht und an die Stichgänge im Schutzstollen der Stadt. Hätte der Luftschutzbunker im Schlossberg beim Bombenangriff 1943 schon existiert, wären manche vielleicht nicht ums Leben gekommen. Im Juli 1944 wurde Böblingen abermals bombardiert. Beim Bunkerbau hatten Zwangsarbeiter vom Böblinger Militärflughafen mithelfen müssen. Untergebracht waren sie in Baracken und Nebengebäuden der Hangars. In den ehemaligen Flugzeughallen befindet sich heute das Oldtimerzentrum Motorworld. Als man aus dem Boden Bomben und Granaten zog, noch bevor die Gebäude für die Zwangsarbeiter abgerissen wurden, machte van Aalst Fotos, die er in seinen Erinnerungsräumen zeigt. Ihm sei damals der Zutritt auf das Gelände untersagt worden. Den Ort, an dem sein Vater eine bittere Zeit erlebte, hielt er trotzdem fest. Der Stadt legte er ein Nutzungskonzept für das Areal und die Gebäude vor. Der Künstler schlug eine Erinnerungsstätte vor – vergebens.

Massengrab mit Opfern. Von seinen Anfragen, ob man bei der Sanierung des Geländes auch auf Überreste der Getöteten gestoßen sei, habe man beim Zweckverband Flugfeld nichts hören wollen, bedauert van Aalst. Damals wurde in Leinfelden-Echterdingen ein Massengrab mit jüdischen Häftlingen entdeckt, die im einstigen Konzentrationslager Echterdingen ermordet wurden. Man habe eine höllische Angst gehabt, dass auch in Böblingen dergleichen ans Tageslicht kommen könne.

Im November wird der Toten mehrmals gedacht Gedenktage: Die Erinnerungsräume haben in diesem Monat mehrmals geöffnet: Am 17. November zur langen Nacht der Museen von 19 Uhr bis 21.30 Uhr, am Volkstrauertag (18. November) von 11.15 Uhr bis 13.30 Uhr und am Totensonntag (25. November) von 15 Uhr bis 17 Uhr.

Jahresrhythmus: Ansonsten sind die Erinnerungsräume auf dem alten Friedhof von März bis November jeweils jeden ersten Sonntag im Monat von 15 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

Führungen: Marinus van Aalst wird vom Kulturamtsleiter Peter Conzelmann und von Ursula Kupke vom Böblinger Galerieverein unterstützt. Van Aalst empfängt auch Gruppen und Schulklassen – (Anmeldungen per E-Mail unter steimel@boeblingen. de oder unter 0 70 31/6 69 16 81).

Kontakt: http://www.art-van-aalst.com.

Ein Forschungsprojekt des Böblinger Stadtarchivs soll die Geschichte der Zwangsarbeiterlager in Böblingen zwischen 1939 und 1945 aufarbeiten.

Die Zeit des Nationalsozialismus in Böblingen ist historisch kaum aufgearbeitet. Das will die Stadtverwaltung nach und nach ändern. Ein neues Forschungsprojekt fand im Gemeinderat große Unterstützung. Die freischaffenden Historiker Yvonne Arras und Michael Walther von der Agentur Fachwerk bearbeiten nun in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv das Thema „Zwangsarbeiterlager in Böblingen im Nationalsozialismus“. Mit der NS-Zeit hat sich das Duo bereits über diverse Forschungsprojekte beschäftigt.

Vorgespräche legen Thema fest. Da der Nationalsozialismus einem weißen Fleck innerhalb der Geschichte Böblingens gleiche, sei es wichtig gewesen, zunächst sowohl inhaltlich als auch zeitlich Grenzen zu ziehen, betonen Arras und Walther, die mit ihrer Agentur in Vöhringen südlich von Horb am Neckar sitzen. Zu diesem Zweck fanden im Vorfeld zunächst Gespräche mit Kulturamtsleiter Sven Reisch und Stadtarchivarin Tabea Scheible statt. Letztlich fiel die Entscheidung auf die Erforschung der Zwangsarbeiterlager während des Zweiten Weltkriegs. „Wir haben die Arbeit am Thema Erinnerungskultur in den letzten Jahren bewusst auf die Agenda gesetzt“, betont Reisch. „Dieses Projekt verstehen wir als Auftakt zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus hier vor Ort.“

Yvonne Arras und Michael Walther haben sich zuletzt an die Arbeit gemacht. „Derzeit sind wir dabei, das Quellenmaterial zu heben, das zur Bearbeitung dieses Thema zur Verfügung steht“, berichten die beiden. Die erste Anlaufstelle sei selbstverständlich das Böblinger Stadtarchiv, das zahlreiche Fundstellen sowohl in den Akten – wie auch in den Bildbeständen zu bieten habe. Aber auch in anderen öffentlichen Archiven, zum Beispiel dem örtlichen Kreisarchiv oder dem Staatsarchiv in Ludwigsburg, will das Duo recherchieren. Dabei müsse auch definiert werden, was man sich unter einem Zwangsarbeiterlager vorzustellen habe. Auch der Begriff des Zwangsarbeiters müsse geklärt und differenziert betrachtet werden.

Die Historiker vermuten, dass sich im Kreisarchiv Akten der amerikanischen Militäradministration nach 1945 mit Listen von Zwangsarbeitern und deren Unterbringung befinden. In Ludwigsburg wiederum werden Unterlagen zu den Entnazifizierungsverfahren aufbewahrt, in denen sich oftmals wichtige Hinweise befinden. Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende dieses Jahres und soll mit der Vorlage einer Forschungsarbeit abgeschlossen werden. Außerdem ist geplant, dass Yvonne Arras und Michael Walther im Laufe des Jahres Einblicke in den Sachstand geben. „Die Zwangsarbeit in Böblingen während der NS-Zeit ist ein bisher unerforschtes Kapitel unserer Stadtgeschichte“, sagt dazu Oberbürgermeister Stefan Belz. „Die Gräueltaten, die damals geschahen, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“

Wer hat privates Material? „Unser Anspruch an das Team von Fachwerk ist, dass eine sauber recherchierte und gut verständliche Arbeit entsteht“, fasst Stadtarchivarin Tabea Scheible zusammen, „da erfahrungsgemäß nicht für alle Böblinger Arbeitslager, die während des Nationalsozialismus existierten, tiefer gehendes Quellenmaterial aufzufinden sein wird, muss hier mit Schwerpunkten gearbeitet werden.“ Deshalb wenden sich die Macher auch an die Stadtbevölkerung: Wer selbst über private Dokumente und Quellenmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus verfüge, dürfe dieses gerne zur Verfügung stellen. Kontakt zum Forschungsprojekt über Tabea Scheible, Telefon 0 70 31 / 669-16 88 oder unter stadtarchiv@boeblingen.de per Mail.

Die Zeitzeugen der Nazi-Diktatur berichteten im Böblinger Fleischereimuseum von ihren Erinnerungen an die Zwangsarbeiter.

Sie waren ja Kinder. Die letzten Zeitzeugen der Nazi-Diktatur, die das Kriegsende als maximal Zehnjährige erlebten. Mitte der Woche waren knapp zehn von ihnen ins Böblinger Fleischereimuseum gekommen, um mit ihren Erinnerungen die Geschichte der Zwangsarbeiter in Böblingen zu erhellen.Ein Projekt, das von der Stadt Böblingen ausgeht und von der Firma „Fachwerk“ aus Vöhringen bei Ulm ausgeführt wird. Zusätzlich waren interessierte Bürger und Historiker anwesend, sowie Tabea Scheible vom Stadtarchiv, die zusammen mit Michael Walther, Historiker von „Fachwerk“, die Anwesenden ermutigten, ihre Erinnerungen preiszugeben.

Etwa 2000 bis 3000 Zwangsarbeiter Nach Walthers Schätzung dürften es etwa 2000 bis 3000 Zwangsarbeiter in Böblingen gegeben haben, bislang war man von etwa 500 ausgegangen. Walther hat die Gesamtzahl von etwa 25 Millionen Zwangsarbeiter im Dritten Reich auf die Einwohnerzahl von Böblingen in den Jahren 1941 bis 1945 herunter gerechnet. Die Zwangsarbeiter waren eingesetzt etwa bei der Flugzeugfirma Klemm, der Zuckerfabrik, oder in der ehemaligen Metallgießerei Leibfried in der Schwarzwaldstraße. Viele arbeiteten in der Landwirtschaft, dort vor allem waren es französische Kriegsgefangene. Die Arbeit der Historiker wird dadurch erschwert, dass wenige Akten vorhanden sind. Entweder wurden die Dokumente durch den verheerenden Bombenangriff 1943 verbrannt oder beim Rückzug der Wehrmacht vernichtet.

Sie brachten die Kinder in den Luftschutzkeller Die Kinder von damals gaben Michael Walther dennoch wertvolle Auskünfte. Sie wussten, wo die Lager der Zwangsarbeiter waren und wo die Bunker gestanden hatten. Zwei Holländer, sagte eine Frau, hätten die Kinder immer in den Bunker beim Albert-Einstein-Gymnasium begleitet, während sie selbst natürlich draußen bleiben mussten und den Angriffen schutzlos ausgesetzt waren. ine Frau erinnerte sich, wie sie in den Kellern der Brauerei Dinkelaker vor den Luftangriffen Schutz fand. Ein Lager war im ehemaligen Armenhaus der Stadt am Friedhof, wo früher Übernachtungsplätze für fahrende Handwerker waren. Es wurde berichtet, wie die Zwangsarbeiter ihre Wirtsfrauen vor den französischen Truppen und ihren Massenvergewaltigungen geschützt hätten. Oder dass man in der Gießerei Leibfried Wolle kaufte, um den Zwangsarbeitern Winterpullis zu stricken. Mehrere Geschichten kreisten um das strikte Verbot, sich mit ihren Zwangsarbeitern zu fraternisieren, an das sich die Familien jedoch so gut wie nicht hielten. Stattdessen bekamen die Franzosen einen Platz am Mittagstisch und wurden wie normale Feldarbeiter behandelt. Manchmal entspannen sich Freundschaften und man besuchte sich noch nach dem Krieg.

Auf der Flucht erschossen Es wird auch berichtet, wie die Zwangsarbeiter nach dem Krieg plünderten und alles Wertvolle in ihre alte Heimat brachten, und dass manche russische Zwangsarbeiter zögerten, in die Heimat zurück zu kehren weil, sie den Diktator Stalin fürchteten. Ein Anwesender machte den Zeitzeugen Vorhaltungen, ob sie nichts von Gräueltaten gewusst hätten. Natürlich hätte man den Kindern natürlich nichts von Gräueltaten erzählt. Von einem Russen wurde berichtet, der auf der Flucht erschossen worden sei. Für Michael Walther, der zusammen mit Yvonne Arras im neuen Jahr seine Forschungsarbeit veröffentlichen will, waren die Informationen wertvoll, vor allem weil es neue Erkenntnisse zu den Lagern und ihren Insassen gab. Ebenso wertvoll waren die Fotos sowie ein Poesiealbum, die von den Zeitzeugen mitgebracht wurden. Ein Mann besaß Fotos eines Zwangsarbeiters, der auf der väterlichen Landwirtschaft geholfen hatte und man sieht ihn, eine Zigarette rauchend, hinter einem Bulldog herläuft beim Kartoffel-Anbau.

Greifbarer Beweis Eine Zeitzeugin hatte ein Poesiealbum mitgebracht. Darin war ein Eintrag der Tochter von Lucie Haen, einer Jüdin, die von den Nazis nach Theresienstadt gebracht wurde. Als man die Frau abholte, erinnerte sich die Zeitzeugin, hatte sich die Tochter im Schrank versteckt und sie selbst musste sich vor den Schrank stellen, um die Nazis abzulenken. Diese Geschichte hatte ein relativ gutes Ende. Lucie Haen kam aus Theresienstadt zurück und Mutter und Tochter überlebten den Krieg in Böblingen. Mit diesem Eintrag in das Poesiealbum gibt es jetzt einen weiteren greifbaren Beweis vom Schicksal der Familie.

Sie hielten die Kriegsmaschinerie am LaufenZwangsarbeiter Etwa 25 Millionen Zwangsarbeiter gab es im Dritten Reich. Darunter versteht man KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter, die in den besetzten Gebieten rekrutiert oder verschleppt wurden.-

Luftangriff Tief ins kollektive Bewusstsein der Stadt hat sich der verheerende Luftangriff auf Böblingen eingegraben. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 wurden die Böblinger Altstadt nahezu vernichtet, mit ihr das Schloss und das Rathaus.

So heißt es in einem weiteren 2000 (Link) u.a. „Ab Kriegsbeginn arbeiteten die Werkstätten der Lufthansa ausschließlich für die Luftwaffe. In diesen kriegswichtigen Betrieben wurden sehr schnell auch die ersten Kriegsgefangenen und zivilen »Fremdarbeiter« zur Arbeit gezwungen. Verbürgt ist der Einsatz von ZwangsarbeiterInnen in München. Dort mussten 248 Kriegsgefangene arbeiten. In Lübeck unterhielt das Luftwaffenzeugamt zusammen mit der Lufthansa drei Lager für zivile »FremdarbeiterInnen« mit 480 Personen. In Echterdingen bei Stuttgart waren 247 holländische Zwangsarbeiter am Flughafen zur Wartung der Flugzeuge eingesetzt. 1942 wurden noch einmal zusätzlich 477 RussInnen – unter ihnen auch 41 Kinder – in das Lager der Lufthansa am Flughafen Echterdingen verschleppt. Die Verantwortlichen der Lufthansa für die Zwangsarbeit wurden nach dem Krieg nicht belangt. Nur der schon genannte Erhard Milch wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wegen zahlreicher Kriegsverbrechen zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, aber schon 1954 wieder begnadigt. Die ZwangsarbeiterInnen aus den Lagern der Lufthansa warten hingegen seit 55 Jahren auf Entschädigung.“


Personal-Unterlagen der LH-Werkstätten in Böblingen 1944/1945 (Bundesarchiv) in chronologischer Reihenfolge

1944-07 Kurzmitteilungen – Einführung

1944-09 Kurzmitteilungen

1944-12-20 Bekanntmachungen

1945-01-30 Mitteilungen

Belegschaftslisten (leider nicht alle datiert)

  • DEUTSCHE 56
  • HOLLÄNDER 32
  • OSTEUROPÄER 75
  • TOTAL 153

1945-03-27 Arbeitsanweisung

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