Zwangsarbeiter/Fremdarbeiter

Ob die Lufthansa-Werkstätten zu dieser Thematik passen, können wir nicht beurteilen, wird aber hoffentlich eines der Forschungsergebnisse sein.

Auf dem alten Friedhof in Böblingen befinden sich im Keller der Aussegnungshalle Erinnerungsräume des Künstlers von Aalst in Gedenken an seines Vaters.

Der Künstler Marinus van Aalst weiß von seinem Vater, dass Häftlinge getötet worden sind. Vergeblich fragte er nach, wo deren sterblichen Überreste geblieben sind. In Erinnerungsräumen gedenkt er ihnen – wie auch den Böblinger Bombenopfern.

Böblingen – Zwanzig Steintafeln liegen aneinandergereiht auf dem alten Friedhof in Böblingen. Nur wer genau hinsieht, erkennt die eingravierten Schriftzüge. Die grauen Platten tragen Namen, alles in allem sind es 44. Die Menschen starben beim Bombenangriff auf die Stadt am 7. Oktober 1943. „Eigentlich kamen 60 Menschen ums Leben“, sagt der Böblinger Künstler Marinus van Aalst, „wenn man die Opfer mitzählt, die im Arbeitslager der Nazis auf dem heutigen Flugfeld interniert waren.“ Marinus van Aalst hat Archive aufgesucht und musste feststellen, dass es so gut wie keine Dokumente über diese grausame braune Vergangenheit Böblingens mehr gibt. Um so wichtiger ist es ihm, den Mantel des Schweigens zu lüften.

Verwitterte Briefumschläge und Gürtelschnallen Marinus van Aalst tut das in seinen Erinnerungsräumen auf dem alten Friedhof. „Ich arbeite die Wahrnehmung der Böblinger Geschichte auf“, sagt der 71-Jährige. Seit sieben Jahren. Damals hat der Böblinger Gemeinderat das Projekt befürwortet. Der in Böblingen lebende gebürtige Rotterdamer hat das Flugfeld-Gelände in den Jahren 2000 und 2001 nach Relikten abgesucht, die von der Nazi-Herrschaft, Zwangsarbeit und von dem Leid zeugen. Verwitterte Briefumschläge, Schreibmaschinen-Durchschlagpapiere, durchlöcherte Leinen-Säcke, Rosshaar-Decken, Bruchstücke von Munitionskisten, Gürtelschnallen. „Mich interessiert das Liegengelassene, das Unerkannte, das in seiner Armut eine Schönheit erlangt“, ist auf einer seiner Notizblock-Seiten zu lesen. Vieles davon lagert in seinem Böblinger Archiv, manches ist in den Erinnerungsräumen in seinen Objekten zu sehen. Van Aalsts Vater war von 1942 bis 1945 Zwangsarbeiter auf dem Flugfeld. Er war bei der niederländischen Marine gewesen und dorthin verschleppt worden. Von ihm weiß er, „dass bis Mai 1945 tausende Gefangene für die militärische Kriegsproduktion eingesetzt wurden. Im nahe gelegenen Daimler-Werk in Sindelfingen und für die Lufthansa.“ Viele seien auch auf den Flugplatz von Stuttgart-Echterdingen gebracht worden, wo sie ebenfalls die Nazi-Flieger reparieren mussten. Meist stammten sie aus Osteuropa. Die Verständigung war schwierig. Es kam zu Missverständnissen. „Den Zwangsarbeitern wurde Sabotage vorgeworfen. Sie wurden erschossen“, hat van Aalst erfahren. Darüber wolle heute niemand mehr reden.

Kunstwerke aus Zivilisationsmüll. Marinus van Aalst sammelte auch schon in den 1960er Jahren Holz, Bleche, Draht, Papier, Kartons, Leder und vieles mehr und fügte sie zu Materialbildern. Zivilisationsmüll wandelt sich in seinen Installationen und Wandobjekten in erstarrte, akribisch angeordnete Assemblagen, meist in Grau- und Brauntönen. Seine Werke, die er in zahlreichen Ausstellungen präsentierte, sind von einer Symbolkraft, die an den Künstler Joseph Beuys erinnert. Auf dem Skulpturenpfad am Venusberg bei Aidlingen reihte van Aalst drei Holzkästen aneinander und schuf dazu einen begehbaren Holzkubus. In einem der Kästen siedelte er ein Bienenvolk an. Das Brummen und Summen wurde über ein Mikrofon und einen Lautsprecher in das Besucherhäuschen übertragen. Solchen Werken wohnt eine gewisse Poesie inne, ein Reiz des Sinnlichen. Bei Altdorf stellte er drei Eichenstämme in die Landschaft mit Stahlschaufeln. „Die Feldzeichen“ huldigen der schweißtreibenden Arbeit der Bauern. Bei aller Liebe zur Natur geißelt van Aalst aber auch deren Zerstörung, die Wegwerfgesellschaft, die Unterdrückung des Menschen – und die Nazi-Gräuel. „Kalklöschen“ nennt er eines seiner Objekte. „Kalk“, sagt van Aalst, „Kalk wurde auf die Leichen in den Massengräbern gestreut.“

Fotos von Gebäuden, in denen Häftlinge untergebracht waren. Allein schon der Geruch bei feuchtem Wetter lässt den Besucher in den Böblinger Erinnerungsräume unter der Friedhofskapelle schaudern. Das Kellergeschoss gleicht einem Verlies. Einst sollte hier ein Krematorium eingerichtet werden. Bei Sonnenlicht fallen tagsüber nur ein paar Strahlen durch die Fensterluken. Im Halbdunkel sind an einer Wand van Aalsts Tunnelstücke zu erkennen. 44 sind es – sie erinnern an die Opfer der Bombennacht und an die Stichgänge im Schutzstollen der Stadt. Hätte der Luftschutzbunker im Schlossberg beim Bombenangriff 1943 schon existiert, wären manche vielleicht nicht ums Leben gekommen. Im Juli 1944 wurde Böblingen abermals bombardiert. Beim Bunkerbau hatten Zwangsarbeiter vom Böblinger Militärflughafen mithelfen müssen. Untergebracht waren sie in Baracken und Nebengebäuden der Hangars. In den ehemaligen Flugzeughallen befindet sich heute das Oldtimerzentrum Motorworld. Als man aus dem Boden Bomben und Granaten zog, noch bevor die Gebäude für die Zwangsarbeiter abgerissen wurden, machte van Aalst Fotos, die er in seinen Erinnerungsräumen zeigt. Ihm sei damals der Zutritt auf das Gelände untersagt worden. Den Ort, an dem sein Vater eine bittere Zeit erlebte, hielt er trotzdem fest. Der Stadt legte er ein Nutzungskonzept für das Areal und die Gebäude vor. Der Künstler schlug eine Erinnerungsstätte vor – vergebens.

Fotos von Gebäuden, in denen Häftlinge untergebracht waren. Allein schon der Geruch bei feuchtem Wetter lässt den Besucher in den Böblinger Erinnerungsräume unter der Friedhofskapelle schaudern. Das Kellergeschoss gleicht einem Verlies. Einst sollte hier ein Krematorium eingerichtet werden. Bei Sonnenlicht fallen tagsüber nur ein paar Strahlen durch die Fensterluken. Im Halbdunkel sind an einer Wand van Aalsts Tunnelstücke zu erkennen. 44 sind es – sie erinnern an die Opfer der Bombennacht und an die Stichgänge im Schutzstollen der Stadt. Hätte der Luftschutzbunker im Schlossberg beim Bombenangriff 1943 schon existiert, wären manche vielleicht nicht ums Leben gekommen. Im Juli 1944 wurde Böblingen abermals bombardiert. Beim Bunkerbau hatten Zwangsarbeiter vom Böblinger Militärflughafen mithelfen müssen. Untergebracht waren sie in Baracken und Nebengebäuden der Hangars. In den ehemaligen Flugzeughallen befindet sich heute das Oldtimerzentrum Motorworld. Als man aus dem Boden Bomben und Granaten zog, noch bevor die Gebäude für die Zwangsarbeiter abgerissen wurden, machte van Aalst Fotos, die er in seinen Erinnerungsräumen zeigt. Ihm sei damals der Zutritt auf das Gelände untersagt worden. Den Ort, an dem sein Vater eine bittere Zeit erlebte, hielt er trotzdem fest. Der Stadt legte er ein Nutzungskonzept für das Areal und die Gebäude vor. Der Künstler schlug eine Erinnerungsstätte vor – vergebens.

Massengrab mit Opfern. Von seinen Anfragen, ob man bei der Sanierung des Geländes auch auf Überreste der Getöteten gestoßen sei, habe man beim Zweckverband Flugfeld nichts hören wollen, bedauert van Aalst. Damals wurde in Leinfelden-Echterdingen ein Massengrab mit jüdischen Häftlingen entdeckt, die im einstigen Konzentrationslager Echterdingen ermordet wurden. Man habe eine höllische Angst gehabt, dass auch in Böblingen dergleichen ans Tageslicht kommen könne.

Im November wird der Toten mehrmals gedacht

Gedenktage: Die Erinnerungsräume haben in diesem Monat mehrmals geöffnet: Am 17. November zur langen Nacht der Museen von 19 Uhr bis 21.30 Uhr, am Volkstrauertag (18. November) von 11.15 Uhr bis 13.30 Uhr und am Totensonntag (25. November) von 15 Uhr bis 17 Uhr.

Jahresrhythmus: Ansonsten sind die Erinnerungsräume auf dem alten Friedhof von März bis November jeweils jeden ersten Sonntag im Monat von 15 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

Führungen: Marinus van Aalst wird vom Kulturamtsleiter Peter Conzelmann und von Ursula Kupke vom Böblinger Galerieverein unterstützt. Van Aalst empfängt auch Gruppen und Schulklassen – (Anmeldungen per E-Mail unter steimel@boeblingen. de oder unter 0 70 31/6 69 16 81).

Kontakt: http://www.art-van-aalst.com.

Ein Forschungsprojekt des Böblinger Stadtarchivs soll die Geschichte der Zwangsarbeiterlager in Böblingen zwischen 1939 und 1945 aufarbeiten.

Die Zeit des Nationalsozialismus in Böblingen ist historisch kaum aufgearbeitet. Das will die Stadtverwaltung nach und nach ändern. Ein neues Forschungsprojekt fand im Gemeinderat große Unterstützung. Die freischaffenden Historiker Yvonne Arras und Michael Walther von der Agentur Fachwerk bearbeiten nun in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv das Thema „Zwangsarbeiterlager in Böblingen im Nationalsozialismus“. Mit der NS-Zeit hat sich das Duo bereits über diverse Forschungsprojekte beschäftigt.

Vorgespräche legen Thema fest. Da der Nationalsozialismus einem weißen Fleck innerhalb der Geschichte Böblingens gleiche, sei es wichtig gewesen, zunächst sowohl inhaltlich als auch zeitlich Grenzen zu ziehen, betonen Arras und Walther, die mit ihrer Agentur in Vöhringen südlich von Horb am Neckar sitzen. Zu diesem Zweck fanden im Vorfeld zunächst Gespräche mit Kulturamtsleiter Sven Reisch und Stadtarchivarin Tabea Scheible statt. Letztlich fiel die Entscheidung auf die Erforschung der Zwangsarbeiterlager während des Zweiten Weltkriegs. „Wir haben die Arbeit am Thema Erinnerungskultur in den letzten Jahren bewusst auf die Agenda gesetzt“, betont Reisch. „Dieses Projekt verstehen wir als Auftakt zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus hier vor Ort.“

Yvonne Arras und Michael Walther haben sich zuletzt an die Arbeit gemacht. „Derzeit sind wir dabei, das Quellenmaterial zu heben, das zur Bearbeitung dieses Thema zur Verfügung steht“, berichten die beiden. Die erste Anlaufstelle sei selbstverständlich das Böblinger Stadtarchiv, das zahlreiche Fundstellen sowohl in den Akten – wie auch in den Bildbeständen zu bieten habe. Aber auch in anderen öffentlichen Archiven, zum Beispiel dem örtlichen Kreisarchiv oder dem Staatsarchiv in Ludwigsburg, will das Duo recherchieren. Dabei müsse auch definiert werden, was man sich unter einem Zwangsarbeiterlager vorzustellen habe. Auch der Begriff des Zwangsarbeiters müsse geklärt und differenziert betrachtet werden.

Die Historiker vermuten, dass sich im Kreisarchiv Akten der amerikanischen Militäradministration nach 1945 mit Listen von Zwangsarbeitern und deren Unterbringung befinden. In Ludwigsburg wiederum werden Unterlagen zu den Entnazifizierungsverfahren aufbewahrt, in denen sich oftmals wichtige Hinweise befinden.

Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende dieses Jahres und soll mit der Vorlage einer Forschungsarbeit abgeschlossen werden. Außerdem ist geplant, dass Yvonne Arras und Michael Walther im Laufe des Jahres Einblicke in den Sachstand geben. „Die Zwangsarbeit in Böblingen während der NS-Zeit ist ein bisher unerforschtes Kapitel unserer Stadtgeschichte“, sagt dazu Oberbürgermeister Stefan Belz. „Die Gräueltaten, die damals geschahen, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“

Wer hat privates Material? „Unser Anspruch an das Team von Fachwerk ist, dass eine sauber recherchierte und gut verständliche Arbeit entsteht“, fasst Stadtarchivarin Tabea Scheible zusammen, „da erfahrungsgemäß nicht für alle Böblinger Arbeitslager, die während des Nationalsozialismus existierten, tiefer gehendes Quellenmaterial aufzufinden sein wird, muss hier mit Schwerpunkten gearbeitet werden.“ Deshalb wenden sich die Macher auch an die Stadtbevölkerung: Wer selbst über private Dokumente und Quellenmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus verfüge, dürfe dieses gerne zur Verfügung stellen. Kontakt zum Forschungsprojekt über Tabea Scheible, Telefon 0 70 31 / 669-16 88 oder unter stadtarchiv@boeblingen.de per Mail.